Doktor Esperanto, der hoffende Doktor: Das Pseudonym, unter dem der polnische Augenarzt Ludwig Lejzer Zamenhof am 27. Juli 1887 das erste Lehrbuch für eine universelle Weltsprache veröffentlichte, spricht Bände. Mit der später als „Esperanto“ bekannt gewordenen Plansprache wollte Zamenhof die babylonische Sprachverwirrung lösen, Weltfriede und Völkerverständigung bezeichnete er als „interna ideo“ (innere Idee) der Sprachbewegung.
In einem Brief an Nikolai Borowko, den Autor der ersten originalsprachlichen Erzählung in Esperanto, schrieb Zamenhof: „Ein empfindsamer Charakter fühlt in einer großen Stadt das schwere Unglück der Sprachenvielfalt und wird bei jedem Schritt aufs Neue davon überzeugt, dass die Verschiedenheit der Sprachen als einziger oder doch zumindest hauptsächlicher Grund für die Spaltung der menschlichen Familie in feindliche Teile angesehen werden muss.“ Zamenhof wurde 1859 als erstes Kind einer jüdischen Familie in Bialystok geboren, es wurde zu Hause Jiddisch, Polnisch, Russisch und Deutsch gesprochen. 1959 erklärte ihn die Unesco zu „einer der großen Persönlichkeiten der Menschheit“.
1000 Wortwurzeln internationaler Herkunft, wie „gardeno“ oder „profesoro“ umfasste Zamenhofs erstes Esperanto-Wörterbuch. Anders als die zeitgleich entstandene Plansprache Volapük zeichnet sich Esperanto durch regelmäßige Grammatik und einfache Wortkombinationen aus, um die Sprache einfach erlernbar zu machen.
Die Ausstellung „Zwischen Utopie und Wirklichkeit. Konstruierte Sprachen für eine globalisierte Welt“ der Bayrischen Staatsbibliothek gibt in einer virtuellen Ausstellung Esperanto-Hörbeispiele: Der Sprachrhythmus klingt wie eine Mischung aus Italienisch und Russisch. Die Ausstellung dokumentiert den vierten Esperanto-Weltkongress aus dem Jahr 1908 in Dresden – bis zum ersten Weltkrieg neben London und Paris die wichtigste Hochburg der Esperantisten. Interessengruppen von Kaufleuten, Ärzten, Juristen, Theologen und Bibelübersetzern, Lehrern, Polizisten, Pazifisten, Freimaurern, Sozialisten, Vegetariern und Schachspielern trafen sich in Diskussionsgruppen. Zum Begleitprogramm an der Elbe gehörten eine Ausstellung, ein Gartenfest, Dampferfahrten, ein Kostümball und eine Esperanto-Aufführung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in der Übersetzung von Zamenhof. Die Tagung wurde in der zeitgenössischen Presse als Beweis bewertet, dass Esperanto als Kongress- und Literatursprache tauge. Doch schon damals zogen die Esperantisten auch Spott auf sich, wie die Münchner Ausstellung mit Karikaturen belegt.
In einer Welt, in der Englisch zur Universalsprache geworden ist, scheint Esperanto als anachronistische Utopie. Der 33-jährige Brite Gavan Fantom widerspricht: „Englisch ist eine politische Sprache. Muttersprachler haben ein Privileg gegenüber Nicht-Muttersprachlern. Und die englische Sprache ist verbunden mit der Politik mächtiger Nationen, die zu Ressentiments gegenüber dieser Sprache führt.“ Der Software-Entwickler ist quasi Esperanto-Muttersprachler in der dritten Generation. Seine Großmutter war Engländerin, sein Großvater Niederländer. Während des zweiten Weltkriegs lebten sie in Rotterdam. Gavan: „Für sie war es ein großes Risiko, ihren Kindern Esperanto beizubringen, eine von den Nazis verachtete und verfolgte Sprache.“ Gavan beschreibt die Vorteile des Esperanto-Muttersprachlers so: „Grammatik wird in England schlecht unterrichtet, viele Schüler haben keine Ahnung, wie Sätze oder Wörter aufgebaut sind, bis sie eine neue Sprache lernen. Und ich hatte bereits eine Vorstellung davon. Wenn die Lehrerin von ,Nomen’ sprach, merkte ich, dass das die Wörter sind, die auf Esperanto auf -o enden, Adjektive auf -a. Infinitive enden auf -i, Präsens auf -as und Präteritum auf -os.“
Gavan bezeichnet Esperanto als einen „Schatz, er bringt Diversität und Farbe ins Leben und Menschen zueinander“. Rund um die Sprache habe sich eine kulturelle Gemeinschaft entwickelt. Mit seiner Familie sei er oft zu Esperanto-Treffen gegangen und habe so Freunde auf der ganzen Welt gefunden. „Wenn ich sie besuche, ermöglicht mir das einen ganz anderen Blick auf fremde Länder, als wenn ich nur als einsprachiger Tourist reisen würde.“ Gavan spricht zwar nicht jeden Tag Esperanto, aber seine Facebook-Updates verfasst er in dieser Sprache.
Auch wenn Esperanto aus dem öffentlichen Bewusstsein größtenteils verschwunden ist oder im besten Fall als kurioses Sprachexperiment wahrgenommen wird, so wird diese Sprache doch auch in den kommenden Generationen nicht aussterben. Dafür sorgen etwa Felix und Ursula Zesch aus Berlin. Sie bringen ihrer sieben Monate alten Tochter Esperanto als zweite Muttersprache bei – zum Beispiel über Abzählreime und Lieder. „Esperanto animiert zum spielerischen Umgang mit Sprache, weil sich Wörter auf Esperanto aus verschiedenen Bausteinen zusammen setzen lassen“, sagt der Vater, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Esperanto-Gesellschaft (Prezidanto de la Esperanto-Asocio Berlin Brandenburg).
Die Eltern sind überzeugt, dass das Erlernen der Sprache einen positiven Einfluss auf die Kindesentwicklung hat. „Ein Freund von mir, der Esperanto-Muttersprachler ist, sagte, er konnte auf Esperanto früher zählen, weil die Sprache regelmäßiger aufgebaut ist.“ Die Eltern, die in der deutschen Esperanto-Gesellschaft organisiert sind, haben aber auch einen ganz praktischen Grund: „Wir wollen, dass das Kind unsere vielen Gäste versteht, die kein Deutsch sprechen“, sagt Felix Zesch.
Über das Portal „Pasporta Servo“ kommen häufig esperantosprechende Besucher, die kostenlos bei den Zeschs übernachten. „Wir kannten das Couchsurfing schon, ehe das Wort erfunden war.“ Die Vorstellung, mit seinem Baby statt Esperanto Englisch zu sprechen, findet Zesch absurd. „Das spreche ich selbst nicht so gut. Das wäre zu künstlich.“
Die virtuelle Ausstellung über Esperanto: www.bsb-muenchen.de (Von Nina May)
Keine aussterbende Sprache