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21.07.2012

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Unter den Birken von Finkenkrug

Vor 90 Jahren wurde vor den Toren Berlins ein Landjugendheim gegründet, das vielen Verfolgten zur Rettung verhalf

FALKENSEE - Die beiden Männer, Jahrgang 1943, die am Wohnzimmertisch von Erika Paul in Finkenkrug sitzen, kannten sich bis zu dieser Begegnung nicht, und doch kreuzten sich einst ihre Wege: damals nach dem Krieg im Landjugendheim Finkenkrug.

Das ist im Bewusstsein der Falkenseer getilgt, denn es wurde schon 1950 geschlossen. Verschwunden, vergessen, vorbei. Nichts erinnert mehr an diesen Ort, der einst von fröhlicher Geschäftigkeit durchdrungen war. Wo sich Kinder und Jugendliche tummelten, wo Hühner, Ferkel und Bienen gehalten, Gewächshäuser und Felder gemeinsam bestellt wurden, was nicht nur den reformpädagogischen Ideen der Gründerin Anna von Gierke (1874–1943) entsprach, sondern auch verlässlich die Speisekammer füllte.

Dort, wo einst das Landjugendheim stand, findet man heute eine Eigenheimsiedlung. Es ist ein lang gestrecktes Areal, das von Havelländer Weg, Friedrich-Ludwig-Jahn- und Nauener Straße begrenzt wird. Es hat nichts mehr mit dem gemein, was in den Erinnerungen der beiden Männer gespeichert ist, die als kleine Jungen in diesem ländlichen Heim vorübergehend einquartiert waren, wo sie immer satt wurden zu einer Zeit, wo das Sattwerden eine der zentralen Fragen des Lebens war. Ihre Mütter gaben sie in die Obhut des Heims, da sie sich nach dem Krieg beruflich neu orientieren mussten.

Wolf-Rainer Hepp kam im Juni 1948 nach Finkenkrug. Da war er fünf. Sein Vater war in Rumänien für Führer, Volk und Vaterland gefallen. Die Mutter, eine Schauspielerin, musste fortan sich und das Kind aus eigener Kraft durchbringen. Sie fand ein Engagement am Deutschen Theater in Berlin. Doch jeden Abend Vorstellung – wer sollte für den Kleinen sorgen? Sie gab ihn schweren Herzens ins Heim nach Finkenkrug. Das Kind indes litt nicht. Wolf-Rainer Hepp, heute Bauingenieur in Essen, erinnert sich dankbar der unbeschwerten Zeit in der Gemeinschaft, die ihn wie einen wärmenden Mantel umgab. An den Wettstreit beim Pilzesuchen, an die Ausflüge zum Nymphensee, an die Birken von Finkenkrug.

Auch in Peter Beurtons Erinnerung haben Birken und Birkenpilze einen festen Platz. Und die drei Kletterbäume, die ihm Heimleiterin Isa Gruner damals zuwies, nachdem er in schmerzhaften Eroberungskämpfen mit den anderen Jungen so manche Blessuren davongetragen hatte. Peter war im März 1950 mit seiner älteren Schwester aus England ins Heim gekommen, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen. Ihre Mutter, geboren als Ursula Maria Kuczynski, verheiratete Beurton, war während der Nazizeit unter dem Decknamen Sonja als Kundschafterin für den sowjetischen Militärnachrichtendienst in Asien und Europa tätig gewesen. Ihre Erlebnisse beschrieb sie später in dem Buch „Sonjas Rapport“.

Nun, aus dem englischen Exil zurückgekehrt, musste sie sich erst einmal in diesem zerstörten Berlin zurechtfinden und Arbeit suchen, derweil sie die Kinder für einige Monate in die Obhut des Landjugendheimes vor den Toren der Stadt gab. Ihr Sohn Peter, der im Osten Deutschlands bleiben sollte und später Geschichtshistoriker wurde, erinnert sich dankbar der Wiedereingliederungshilfe, die ihm die Erzieherinnen damals erwiesen hatten. Und der schrecklichen Marmeladenbrote aus schlechtem, klitschigen Brot, das er aus England so gar nicht kannte.

Doch im Heim war man froh, die Kinder satt zu bekommen. Man war überhaupt froh, das unselige Tausendjährige Reich heil überstanden zu haben, das so vielen Kindern den Vater, die Eltern, die Heimat genommen und auch den Protagonistinnen des Heimes unendlichen Schmerz zugefügt hatte.

Angefangen hatte alles im Jahr 1922, als die Sozialpädagogin Anna von Gierke aus Charlottenburg, wo sie bereits ein Jugendheim betrieb, in Finkenkrug daran ging, sich ihren Traum von einer ländlichen Erholungs- und Bildungsstätte zu verwirklichen. Auf 15 Hektar verwildertem Land, wo lediglich eine halb verfallene Laube vor sich hin dümpelte, entstanden im Laufe der nächsten Jahre Unterkünfte, Schulungsräume und eine kleine Plantage einschließlich Gärtnerei und Gewächshäusern, die mehr abwarfen als zur Selbstversorgung vonnöten war. Da man wenig Geld hatte und auf Spenden angewiesen war, zog sich der Aufbau hin. Doch Anna von Gierke und ihre Mitarbeiterinnen hatten gelernt, sparsam zu wirtschaften. Und so nutzten sie unter anderem eine alte Kriegsbaracke, die sie im Umland entdeckt hatten und preiswert aufkauften, demontieren und das Baumaterial mit Pferdefuhrwerken aufs Grundstück schaffen ließen. Sie waren erfindungsreich. Auch im Austricksen der Behörden. Als sie nach nervenden Querelen endlich im Februar 1923 im Besitz einer gültigen Baugenehmigung waren, befanden sich die ersten Gebäude schon längst in Betrieb: Im August 1922 waren die ersten Kinder eingezogen.

Finkenkrug wurde nicht nur als Erholungsstätte und Kinderdauerheim genutzt. Dort fanden auch Lehrgänge für Kinderheimpflegerinnen und Hortnerinnen statt, man bildete in gärtnerischen Tätigkeiten und Geflügelzuchtgehilfinnen aus und bot einen freiwilligen Arbeitsdienst für Jugendliche an. Der frohe, unbeschwerte Geist von Finkenkrug wurde von allen, die ihn erleben durften, gerühmt. Anna von Gierkes Leitspruch, den sie Schülerinnen wie Mitarbeiterinnen mitgab, schien Früchte zu tragen: „Pflegen Sie den Gemeinschaftsgeist und lenken Sie ihn so, dass er bei den einzelnen Arbeitsfreude, Tüchtigkeit und Frohsinn auslöst.“

Doch die Blütezeit des Landjugendheims fand ein jähes Ende, als 1933 die Nationalsozialisten die Macht im Reich übernahmen. Anna von Gierke, deren Mutter der jüdischen Verlegerfamilie Loening (Rütten & Loening) entstammte, wurde ihrer Ämter enthoben, alle jüdischen Mitarbeiterinnen entlassen, darunter auch Alice Bendix (1894–1943), die erste Leiterin des Heims in Finkenkrug. Sie ging später nach München, wo sie die Leitung des jüdischen Antonienheims übernahm. Alle Angebote, das eigene Leben durch Emigration in die Schweiz zu retten, lehnte sie ab. Denn inzwischen betreute sie jüdische Waisenkinder, deren Eltern längst deportiert worden waren. Im März 1943 wurden auch diese Kinder ausgelöscht. Und mit ihnen Alice Bendix. Der Transport ging direkt nach Auschwitz.

Im Landjugendheim Finkenkrug hatten nach Anna von Gierkes Entlassung ein SS-Lehrer und ein SA-Wirtschaftsleiter fortan das Sagen. Die von Staat und Kirche unabhängige Landjugendheim GmbH sollte finanziell ruiniert werden, indem die Nazis ad hoc auf der Rückzahlung des Darlehens bestanden. Andernfalls drohte die Zwangsversteigerung. Da kam Carl Friedrich von Siemens, von Bekannten auf die prekäre Lage aufmerksam gemacht, den Jugendheimern zu Hilfe. Er erwarb von der GmbH 40 Morgen unbebautes Land längs der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße „zu Siedlungszwecken“ und rettete die Gesellschaft so vor dem Ruin. Im August 1941 errichtete dort die Firma Siemens & Halske ein Barackenlager für 1000 vorwiegend ausländische Zwangsarbeiter, samt Entlausungsanlage und Kindergarten für 60 Kinder von Ostarbeiterinnen.

Die Geschicke im Heim lenkte fortan Isa Gruner (1897–1989), mehr illegal denn legal, und ohne Lohn. Sie war die engste Vertraute Anna von Gierkes, mit der sie bis zu deren Tod im Jahr 1943 in Charlottenburg zusammenwohnte.

Das Heim bot im Schatten der Reichshauptstadt immer wieder auch rassisch und politisch Verfolgten Schutz. Es gelang den gut vernetzten Frauen, eine ganze Reihe jüdische Kinder mit Hilfe der Quäker ins Exil nach England zu schleusen. Zu den Gefährdeten gehörte auch das Mädchen Christa Schmey, das mit ihrer jüdischen Mutter 1941 in Finkenkrug Zuflucht fand. Doch die Gestapo griff zu: Die Mutter wurde ins KZ Ravensbrück deportiert, das sie nicht überlebte. Die kleine Christa, die schon früh ihren Vater verloren hatte und deren promovierter Großvater in einem Arbeitserziehungslager umkam, war nun allein auf der Welt. Isa Gruner nahm sich ihrer an. Sie wurde Christas Pflegemutter und begleitete sie ein Leben lang wie ihr leibliches Kind, bis sie selbst, hochbetagt, in den Armen ihrer Pflegetocher starb.

Jene Christa war es, die die Finkenkrugerin Erika Paul veranlasst hatte, über die Geschichte des Landjugendheims Finkenkrug Nachforschungen anzustellen. Denn das Mädchen Christa Schmey mit den dicken Zöpfen war 1945 in ihrer Schulklasse an der Volksschule in Finkenkrug aufgetaucht. Eine Halbjüdin, hieß es. Die einzgie Überlebende ihrer Familie. Darum lebe sie im Heim. Doch keiner fragte nach dem Woher, dem Warum. Der Ort war voll von Flüchtlingen, Gestrandeten, Ausgebombten. An jeder Ecke ein Schicksal.

Erst vor wenigen Jahren erinnerte sich Erika Paul wieder jener Mitschülerin. Was wohl aus ihr geworden sein mochte? In der Gruppe Stolpersteine hoffte sie, Näheres zu erfahren. Doch dann war es Erika Paul selbst, die die Recherchen forcierte. Sie durchforstete Archive, spürte ehemalige Heimkinder auf und machte auch die Kinder von Christa ausfindig. Es war, als hätte sich ein kleiner unscheinbarer Schneeball allmählich zu einer mächtigen Lawine ausgewachsen. Sie beschloss, aus der Materialsammlung ein Buch zu machen. Und als sie fast fertig war und auch einen Verlag gefunden hatte, traf sie über das Internet auf Peter Beurton und Wolf-Rainer Hepp. Zwei Männer, die damals, als sich in Finkenkrug die Wege ihrer Kindheit kreuzten, nicht ahnten, dass sie einmal in zwei verschiedenen deutschen Ländern erwachsen und alt werden würden.

Nun sitzen sie um Erika Pauls Wohnzimmertisch und tauschen Erinnerungen aus. Wolf-Rainer, der zwei Jahre im Heim blieb, gehörte zu dem letzten kleinen Trupp Dauerheimkinder, die nach der Teilung Deutschlands noch in Finkenkruger Heim verblieben waren, das nach Kriegsende ganz offiziell den Namen „Anna von Gierke“ trug. Doch mit der Zeit wurde es immer schwieriger, das Heim, das stets eng an Charlottenburg gekoppelt war, zu betreiben. Charlottenburg war nun Westen, Finkenkrug Osten, auch wenn die Himmelsrichtungen Gegenteiliges besagten. Isa Gruner geriet zunehmend unter Druck. Zwei anonyme Briefe, die ihr unmissverständlich klar machten, dass man das Heim gerne in den Händen der Arbeiter-und-Bauern-Macht sähe, gaben letztlich den Ausschlag, Finkenkrug aufzugeben. Sie verließ im Spätherbst 1950 mit ihren 15 Dauerheimkindern, darunter Wolf-Rainer, das Heim und fing in Westberlin noch einmal von vorne an. Das Gelände am Havelländer Weg blieb bis 1981 Kinderheim – nunmehr in staatlicher Hand. (Von Hiltrud Müller)


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