POTSDAM / SCHLAATZ - Die weißen Wände sind mit Bildern tapeziert. Ein afrikanisches Dorf, ein Saxophonspieler, bunte Masken. Die Liste könnte unendlich fortgeführt werden. Nicht nur an den Wänden hängen Bilder. Sie stehen auf Stühlen und Tischen, in der Zimmerecke. Auf einer Leinwand sind die Umrisse von Oberbürgermeister Jann Jakobs zu erkennen. Sein orientalischer Hut leuchtet rot. Der Maler, Samko, steht zwischen den Gemälden. Er ist einer von rund 170 Asylbewerbern, die derzeit im Heim am Nuthetal leben. Er sei müde vom vielen Schlafen, sagt er. Sein Kopf ist „kaputt“. Kaputt ist ein Wort, das Samko oft benutzt. Dabei fuchtelt er mit den Händen. In Kamerun war er Künstler, seit er in Deutschland lebt, ist er zum Nichtstun gezwungen. „Wir haben Kraft zum Arbeiten“, erklärt er, „aber wir dürfen nicht.“
Am Mittwoch legte das Bundesverfassungsgericht fest, dass Asylbewerber künftig mehr Geld bekommen sollen. Der bisherige Betrag wurde von 225 Euro monatlich auf 345 Euro erhöht.
Bei den Heimbewohnern spricht sich die Nachricht langsam herum. „Freunde haben uns davon erzählt“, sagt Sophia. Sie bleibt vorerst skeptisch. Die Kenianerin lebt seit eineinhalb Jahren in Potsdam. In ihrer Heimat arbeitete sie als Krankenschwester. Ein Bekannter habe ihr versprochen, dass sie auch in Deutschland ihrem Beruf nachgehen könne. Ihr Sohn sollte später nachreisen. Daraus wurde nichts. Heute ist Sophias Sohn fünf, lebt bei seiner Oma in Kenia. Mit seiner Mutter telefoniert er ein oder zwei Mal im Monat. „Öfter kann ich es nicht bezahlen“, erklärt Sophia.
Zu den Gründen ihrer Flucht sagt sie „persönlich und politisch.“ Sie möchte nicht darüber reden. In Deutschland hat sie noch eine Tochter bekommen. Mit dem Vater der Eineinhalbjährigen ist sie nicht mehr zusammen. „Am schlimmsten ist es, nichts zu tun. Da habe ich zu viel Zeit zum Nachdenken“, sagt sie, während sie in der Spendenausgabe Sachen sortiert. In dem kleinen Kellerraum ist hauptsächlich Kleidung gelagert. Strickpullover, Stoffhosen, altmodische Blusen. Im obersten Regalfach stehen ein paar Bücher: „Huckleberry Finn“, „Hochzeit am Honigsee“, „Der Spaßvogel“. Daneben liegen ein paar Spielsachen. „Die Bewohner können sich die Dinge kostenlos mitnehmen“, erklärt Sophia. Für die Arbeit bekommt sie vier Euro am Tag. Das ist viel für jemanden, der von 199 Euro im Monat lebt. Zusätzlich bekommt sie 120 Euro für ihre Tochter. „Davon muss ich alles kaufen: Essen, Kleidung, Windeln, Fahrkarten und die Schule. Zwar beteiligt sich das Sozialamt an den Schulkosten, für die meisten von uns ist der Eigenanteil aber immer noch zu hoch. Wir möchten unbedingt Deutsch lernen, aber zuerst muss ich meiner Tochter Essen kaufen.“ Beschweren möchte sich die 27-Jährige nicht. Im Wohnheim seien die Bedingungen gut, die Mitarbeiter hilfsbereit. Außerdem sei es überall besser, als in ihrer Heimat. „Bevor ich dahin zurückgehe, bringe ich mich um“, fügt sie hinzu.
An diesem Nachmittag ist auch Julius in die Spendenausgabe gekommen. Seit über einem Jahr ist der gebürtige Kameruner in Potsdam. Er will nicht sagen in welcher Stadt er vorher gelebt hat. Dort wurde er Opfer eines Neonaziangriffs. Neben den körperlichen Verletzungen waren die seelischen Schäden besonders schlimm. „Die Alpträume waren so schlimm, dass ich in Berlin eine Therapie anfing“, sagt er. Das Geld für die Fahrt sollte er auslegen und später vom Sozialamt wiederbekommen. „Als ich nachfragte, sagten sie mir, dass ich das Geld am Ende der Woche bekomme. Daraus wurde Ende des Monats, dann Ende des nächsten Monats. Bis heute habe ich kein Geld gesehen“, so der 32-Jährige. Generell würden die Mitarbeiter vom Sozialamt die Asylbewerber wie minderwertige Menschen behandeln, meint Julius: „Ich habe das Gefühl, dass sie vollkommen willkürlich entscheiden, ob wir Geld bekommen.“ Julius ist einer der wenigen, der über den Grund seiner Flucht spricht. In Kamerun war er Jäger. Als ein Politiker tot in seinem Revier gefunden wurde, beschuldigte ihn die Polizei des Mordes. „Sie wollten, dass ich die Tat gestehe“, sagt er, „aber ich kann doch nichts zugeben, was ich nicht getan habe.“
Oberbürgermeister Jann Jakobs begrüßt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Unklar ist jedoch, wer die steigenden Kosten bezahlen soll. „Da sich das Land anteilig an den Kosten für Asylbewerber beteiligt, hoffen wir, dass es sich auch an den Mehrkosten beteiligt“, so Rathaussprecher Markus Klier. Bis zu einer endgültigen Entscheidung werde es noch dauern.
Für die Asylbewerber ist das Geld das eine, die Freiheit zu arbeiten das andere. Sie wollen keine Unterstützung vom Staat, sondern lieber selbst etwas schaffen und Steuern zahlen. Doch je länger sie warten müssen, sagen die drei, desto mehr verkümmert ihr Verstand. Die momentane Situation sei schlimmer als im Gefängnis. Denn da wüssten sie wenigstens, wann sie wieder frei sind. (Von Christin Brauer)