POTSDAM - Die Dokumentarfilme der DDR entstanden zumeist als Propagandafilme. Das Defa-Studio für Dokumentafilme in Potsdam-Babelsberg als Monopolist hatte aber neben staatlichen Aufträgen auch einen kleinen Freiraum für selbstbewusste und kritische Regisseure. Zu ihnen gehörte Petra Tschörtner, die von 1978 bis 1983 an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) studierte. Wie erst jetzt zu erfahren war, ist die Regisseurin im Alter von nur 54 Jahren gestorben. Tschörtner gehörte neben Helke Misselwitz oder Thomas Heise, mit denen sie gemeinsam studierte, zu den bedeutendsten Dokumentarfilmern der DDR.
Bereits ihre Studienarbeiten weisen auf das Talent der Regisseurin für sensible Beobachtungen hin. In „Baffi“ zeigt sie eine junge Frau, die auf einer Party unbemerkt in der Ecke sitzt. Bevor sie die unfreundlich Veranstaltung verlässt, schminkt sie sich als Clown und wird nun zum Blickfang der Leute auf der Straße.
Ihr Diplomfilm „Hinter den Fenstern“ (1983) ist einer der wichtigsten Studentenfilme jener Zeit. Petra Tschörtner lässt drei junge Paare aus einem Potsdamer Neubaublock über ihr Leben, ihre Träume und Enttäuschungen, die Beziehung zu ihren Partnern berichten. Bereits der Titel zeigt die Diskrepanz zwischen der von den Medien propagierten heilen (Familien-)Welt und jener, die im Privaten stattfindet. Der Film wird auf dem nationalen Dokfilmfestival in Neubrandenburg kontrovers diskutiert. Im westdeutschen Oberhausen erhält er 1984 den Hauptpreis des Festivals.
Eine Zeit lang ist Petra Tschörtner Assistentin von Kinderfilmregisseur Rolf Losansky und für das Casting zuständig. Doch es zieht sie ins Dokfilmstudio. Hier stehen wieder Frauen im Mittelpunkt ihrer Filme. Eine Rentnerin, die auf der Trabrennbahn Karlshorst ihre Rente aufbessert zum Beispiel („Schnelles Glück“, 1989).Wie es den alten Menschen in der DDR ergeht, packt Tschörtner in „Unsere alten Tage“ an (1990). Der Film – in der politischen Wendezeit gedreht – konfrontiert die offiziellen Aussagen von der Geborgenheit greiser Menschen im real-existierenden Sozialismus mit dem tatsächlichen Alltag in Alters- und Pflegeheimen. In „Berlin – Prenzlauer Berg“ (1990) schildert sie Begegnungen in den letzten drei Monaten vor der Währungsunion, das Land wird ausverkauft. Der Film läuft im Internationalen Forum des Jungen Films bei der Berlinale 91.
Petra Tschörtner gehört zu den wenigen Dokumentarfilmern der ehemaligen DDR, die auch nach der Wende zahlreiche Aufträge für das Fernsehen erhalten. Es entstehen Beiträge für das Kulturmagazin „Aspekte“ im ZDF und das Frauenmagazin „Nova“ auf 3sat. Die Regisseurin beobachtet sozial genau, kenntnisreich und mit viel Sympathie Menschen aus dem Osten und wie sie in der neuen Gesellschaft ankommen, vor allem in ihrem Alltag.
Bei ihrer Suche nach der eigenen Vergangenheit geht Tschörtner ziemlich weit. Sie porträtiert nämlich ihre Babelsberger Seminargruppe in dem Dokumentarfilm „Marmor, Stein und Eisen“. Dafür reist sie in den Nahen Osten, nach Südamerika. In Chile trifft sie Lili wieder, eine ehemalige Schnittstudentin. Sie hatte in Potsdam den Regiestudenten Ivan aus Bulgarien kennengelernt und geheiratet. Auch Karin aus dem sächsischen Weißenfels hat es nach Chile verschlagen. Deren Schicksal dokumentiert Tschörtner in „Träume“ (1995) und ist eine Episode von drei ostdeutschen Dokumentarfilmern wie Jens Becker und Helke Misselwitz.
Die Dokumentarfilmkollegin und Freundin von Petra Tschörtner wird am 19. August im Potsdamer Filmmuseum bei der Gedenkfeier für die Dokumentaristin sprechen. Mit ihrem frühen Tod verliert auch die HFF eine engagierte Gastprofessorin, die dem Genre Dokumentarfilm immer die Treue hielt. (Von Angelika Mihan und Ines Walk)