HENNIGSDORF - Der Anblick war gespenstisch: Rund 40 Neonazis marschierten am vergangenen Freitag mit Fackeln und Runen-Bannern durch die Nacht von Hennigsdorf (Oberhavel). Sie grölten fremdenfeindliche Parolen. Ihre Gesichter verbargen die Rechtsextremen hinter Pappmasken mit dem Konterfei von Erich Priebke. Der gebürtige Hennigsdorfer, der am vergangenen Wochenende 99 Jahre alt wurde, war 1944 im Zweiten Weltkrieg als SS-Führer an der Erschießung von 335 italienischen Zivilisten beteiligt. Gegen 22.20 Uhr störten Polizisten – von Bürgern alarmiert – die Versammlung in der Innenstadt. Die Neonazis flüchteten in alle Richtungen (MAZ berichtete). Für Hinweise, die zu den Drahtziehern des Aufmarschs führen, hat die Staatsanwaltschaft in Neuruppin gestern 1000 Euro Belohnung ausgesetzt. Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper sagte, man wolle nichts unversucht lassen, die Organisatoren und Teilnehmer zu überführen. Leute, die im Gleichschritt durch die Innenstadt marschieren – da hat man doch das Gefühl, wir sind wieder im Dritten Reich.“ Die Neuruppiner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung, der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen und des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. Den Teilnehmern, sagt Lodenkämper, drohen – abhängig von Alter und Vorstrafen – auch Haftstrafen ohne Bewährung.
Mögliche Spuren bei der Suche nach den Rechtsextremen finden sich leicht im Internet. Auf der Homepage von sogenannten Freien Kräften haben mutmaßliche Teilnehmer des Aufmarsches, die sich als „junge Deutsche“ bezeichnen, Fotos und einen Text zum „spontanen Fackelmarsch“ veröffentlicht. Ob das bei den Ermittlungen helfen könnte, wollte Staatsanwältin Lolita Lodenkämper gestern nicht kommentieren.
Die Belohnung der Staatsanwaltschaft ist ein ungewöhnlicher Schritt, sagt Gabriele Schlamann vom Mobilen Beratungsteam im Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung. „So was höre ich zum ersten Mal.“ Das ausgelobte Geld zeige aber, wie ernst die Behörden den Vorfall nehmen. Und das zu Recht. Der Aufmarsch, sagt die Expertin, könnte ein Weckruf für die rechte Szene in der Region sein. Zwar gibt es einen NPD-Ortsverein Hennigsdorf-Velten, die Öffentlichkeit suchten die Rechtsextremen aber bisher nicht. Zuletzt klebten aber in der Gegend um den Hennigsdorfer Bahnhof immer wieder fremdenfeindliche Sticker. „Man muss genau aufpassen, was da passiert“, so Schlamann.
Der Aufmarsch der Rechtsextremen erinnert an die „Widerstandsbewegung Südbrandenburg“, deren Mitglieder – auch „Spreelichter“ genannt – mit bizarren Fackelzügen in der Nacht aufgefallen waren. Im Juni hatte Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) das Neonazi-Netzwerk verboten. Die Fackeln, die Masken, die Spontaneität – all das seien Parallelen zu den „Spreelichtern“, so Schlamann. Das müsse aber nicht heißen, dass die Drahtzieher der verbotenen Vereinigung angehörten. „Es ist möglich, dass es sich hier um Nachahmer handelt“, sagt die Expertin. (Von Marco Paetzel)