MAZ: Sebastian Brendel, können Sie, so kurz nach der Siegerehrung, Ihre Gefühle beschreiben?
Sebastian Brendel: Es ist überwältigend. Man kann sich gar nicht vorstellen, was gerade in mir vorgeht. Die Siegerehrung war atemberaubend. Ich freue mich, dass so viele Fans hier sind, Zuschauer, die mich feiern. Ich hab’ ganz schön weiche Beine.
Lässt sich das mit einem anderen Moment Ihres Lebens vergleichen?
Brendel: Ja, mit der Geburt meiner Tochter Hanna. Das war auch ein schöner Moment. Aber das hier ist der Wahnsinn, das habe ich mir hart erarbeitet. Irre, dass alles so geklappt hat, wie ich es mir vorgenommen habe, wie ich es mir erträumt habe.
Können Sie das Gold-Rennen aus Ihrer Sicht schildern?
Brendel: Beim Einfahren lief es noch nicht so gut. Da habe ich mir gedacht, es wird ein hartes Stück Arbeit. Doch sobald der Startschuh runter ging, war ich sofort online. Ich war sofort im Rennen drin und konnte mit dem Franzosen neben mir mitgehen. Ich habe gemerkt, dass es heute eine Medaille werden wird. Am Ende habe ich nur noch an meine Tochter Hanna gedacht, für die ich eigentlich zu wenig da bin und der ich diesen Sieg widmen möchte. Die letzten zwei Jahre waren wirklich extrem. Ich war viel in Trainingslagern unterwegs, habe sie kaum gesehen.
Wann wussten Sie, der Sieg ist mein?
Brendel: Ich hab’ vor dem Ziel noch mal kurz nach links und rechts geguckt, da war keiner mehr. Ich habe dennoch meinen Endspurt durchgezogen, damit mich keiner mehr überrollt. Dann habe ich gewusst, es kommt keiner mehr an mich ran.
War es ein perfektes Rennen?
Brendel: Es war auf jeden Fall ein sehr gutes, sonst würde ich jetzt nicht oben stehen. Heute hat alles funktioniert.
Sie sind jetzt relativ nahtlos in die Fußstapfen des Neubrandenburgers Andreas Dittmer, der von 1996 bis 2004 dreimal Gold gewann, gestiegen. Was sagen Sie?
Brendel: Das ist ein schönes Gefühl. Er ist mit Abstand der erfolgreichste deutsche Canadier-Fahrer. Ich versuche natürlich, da auch hinzukommen. Ich hab’ ihn auf der Tribüne gesehen, er hat sich riesig gefreut für mich.
Sie haben das Publikum angesprochen. Wer hat Ihnen besonders die Daumen gedrückt?
Brendel: Hier sind so viele Leute, die mich angefeuert haben. Meine Eltern, mein erster Trainer, Michael Thümmler aus Schwedt. Er hat mich mit zwölf Jahren überredet, dass ich zur Sportschule nach Potsdam gehe. Und mein jetziger Trainer Ralph Welke, dem ich alles zu verdanken habe. Mit dem arbeite ich jeden Tag zusammen. Der muss meine Macken aushalten, mich an der Leine halten.
Welche Macken?
Brendel: Es ist schon so, dass man ab und zu keine Lust hat, demotiviert ist. Da muss er mich aufbauen und im Training ordentlich fordern. Das ist seine Aufgabe.
Treibt er Sie dann an?
Brendel: Nee, er hat immer gesagt: dein Ziel ist London, denk einfach daran. Die anderen trainieren genauso hart wie du.
Der olympische Wettkampf ist für Sie noch nicht zu Ende?
Brendel: Ich fahre ab Freitag noch die 200 Meter. Hier ist es allerdings so, dass ich mir das Finale vornehme. Da braucht man keine Medaille von mir zu erwarten.
Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting hat kritisiert, dass die Prämien, die Deutschland für Olympia-Siege und Medaillen auslobt, im Verhältnis zu vielen anderen Ländern zu gering seien. Wie sehen Sie das?
Brendel: Mehr Geld ist immer gut. Es gibt auf jeden Fall bessere Fördersysteme. Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, muss man mehr investieren in die Sportler. In den meisten Sportarten geht es nicht, ohne dass man Profi ist.
Apropos Förderung. Wie groß ist der Anteil der Bundespolizei an Ihrem Sieg?
Brendel: Die Bundespolizei hat mich im letzten Jahr freigestellt, hat mich super unterstützt. Ab September geht es in Kienbaum schon wieder los mit der Ausbildung.
Werden Sie bis dahin Urlaub machen?
Brendel: Es bleibt nicht viel Zeit zum relaxen. Nach Olympia stehen die deutschen Meisterschaften in Brandenburg/Havel an, da kann ich viele Mannschaftsboote fahren. Danach folgt der Kanalsprint in Potsdam. Und dann beginnt die Ausbildung.