LUDWIGSFELDE - Endlich einmal perfektes Wetter herrschte am Sonnabend bei der vierten Ausgabe des Graffiti-Open-Airs unter der Ludwigsfelder Autobahnbrücke. Der DRK-Kreisverband Fläming-Spreewald und die Stadtverwaltung Ludwigsfelde sind die Organisatoren, und die Graffiti-Legende Tasso ist der künstlerische Leiter des Ganzen.
Letzterer hatte an diesem Tage zwar nichts zu malen, dafür aber trotzdem alle Hände voll zu tun, um die Schar von 30 Künstlern zu koordinieren. Die hatten mit der östlichen Wand ganze 240 Quadratmeter Platz, um dort den Schriftzug „Ludwigsfelde“ entstehen zu lassen. Denn in diesem Jahr gab es erstmals ein großes Gemeinschaftsprojekt, neben den neun neu gestalteten Säulen.
Zwölf Künstler, für jeden gab es einen Buchstaben, arbeiteten gemeinsam an einem großen Werk. Dabei merkte man aber, dass die meisten Graffiti-Künstler Individualisten sind. Damit entstand zwar ein weniger einheitliches, dafür aber sehr abwechslungsreiches Werk.
Dabei bemerkte Tasso sehr wohl, wie sich die Künstler gegenseitig anspornen. Und obwohl das Ergebnis in Tassos Augen „das künstlerisch wertvollste Open Air“ ist, so will er die Wand in jedem Jahr neu gestalten. „Graffiti lebt von der Veränderung“, so seine Überzeugung.
Über den Erfolg und die Resonanz des Graffiti-Open-Airs bei der „normalen“ Bevölkerung freute er sich am meisten. „Das Interesse der Leute ist hier überraschend groß“, beobachtete er. Die Ludwigsfelder flanierten durch ihre 300 Meter lange Kunstgalerie und schauten den Künstlern über die Schulter oder diskutierten ihre Werke.
Ruth Förster gefielen die neuen Werke im Großen und Ganzen gut. „Aber ich vermisse ein paar der alten Werke“, meinte die Ludwigsfelderin. Sie wohnt seit 50 Jahren in Ludwigsfelde und mag es, unter der Autobahn spazieren zu gehen. „Ich freue mich, wenn junge Leute mit so viel Begeisterung dabei sind“, sagte Förster.
Wer selbst Lust bekommen hatte zu sprühen, konnte es beim Workshop mit dem Neubrandenburger Robin Pagel tun. Der wusste zu berichten, das Graffiti mittlerweile schon an den Kunstschulen Einzug gehalten hat. Pagel ist überzeugt, dass in der Graffiti-Szene ein großes künstlerisches Potenzial schlummert, das mit Veranstaltungen wie dem Open Air in legale Bahnen gelenkt werden kann.
Das ist auch die Überzeugung von Bürgermeister Frank Gerhard. Rund 10 000 Euro gibt die Stadt Ludwigsfelde alljährlich für die Beseitigung von Schmierereien an den städtischen Gebäuden aus. In diesem Sinne sieht er die 9 000 Euro für das Open Air gut angelegt.
Denn die Graffiti unter der Autobahn sind mittlerweile deutschlandweit bekannt, und Meister Tasso sieht Ludwigsfelde schon als das Woodstock der Graffiti-Szene. Neben der Kunst für die Augen gab es auch Kunst für die Ohren.
Dabei ging es von Hip-Hop über Rock bis zur Mallorca Coverband Shagiga, die bis Mitternacht Party unter der Autobahn machten. (Von Mike Jentsch)