POTSDAM - Mit einer vermessen klingenden Forderung starten heute die Tarifverhandlungen für die 26 000 Beschäftigten im Brandenburger Gastgewerbe. Eine Angleichung an das Berliner Tarifniveau verlangt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Das wären bis zu 33 Prozent mehr Lohn – und das in einer Branche, in der höchstens jeder fünfte Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert und nicht einmal jeder zweite Betrieb tarifgebunden ist.
Die NGG droht denn auch nicht mit Arbeitskampf, sondern mit einer „Abstimmung mit den Füßen“, wie Verhandlungsführer Sebastian Riesner es nennt. Die besten Leute hätten sich längst in Bundesländer aufgemacht, in denen mehr zu verdienen sei, zum Beispiel ins nahe Berlin. Der Fachkräftemangel in der Brandenburger Gastronomie sei das Resultat der niedrigen Löhne. „Wenn zwischen Berlin und Brandenburg Entgeltunterschiede von 20 Prozent und mehr liegen, dann ist es kein Wunder, wenn die Betriebe kein gutes Fachpersonal bekommen“, sagt er. Für Ungelernte ist der Unterschied sogar noch größer. Sie verdienen in Brandenburg 6,29 Euro pro Stunde, in Berlin sind es 8,40 Euro. Das ist eine Differenz von bis zu 33 Prozent. Die Löhne müssten kräftig steigen, betont Riesner, sonst müssten die Gäste in Brandenburger Hotels und Restaurants künftig lange auf eine Bedienung warten.
Für eine derart massive Lohnerhöhung sieht der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Brandenburg aber keinen Spielraum. In Potsdam zahlten viele Betriebe schon jetzt über Tarif, um ihr Personal zu halten, räumt Gondra Wettley ein, Verhandlungsführerin der Unternehmen und Direktorin des Potsdamer Hotels Steigenberger, in dem morgen die Tarifrunde beginnt. „Aber wir sprechen nicht nur für Potsdam“, betont sie. Ein Tarifabschluss müsse auch weitab von Berlin tragbar sein. Und in der Prignitz etwa sei das mit einem Berliner Lohnniveau nicht gegeben.
Die Lohnhöhe sei außerdem nur ein Faktor für die Attraktivität des Berufs, so Wettley. Andere Stellschrauben seien etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder gute Arbeitsbedingungen für Ältere. Hier habe man teilweise schon vorbildliche Regelungen wie etwa 35 Tage Jahresurlaub für über 55-Jährige mit zehnjähriger Betriebszugehörigkeit. Solche Elemente könnten ausgebaut werden.
Im letzten Tarifabschluss des Brandenburger Gastgewerbes im Jahr 2010 waren zwei Lohnstufen von je zwei Prozent vereinbart worden, bei zweijähriger Laufzeit. Der Abstand zum Westen hatte sich damit teils weiter vergrößert. Für Bayern etwa betrugen die Lohnstufen 2,5 und 2,4 Prozent. (Von Ulrich Nettelstroth)