KETZIN/HAVEL - Der stattliche Wels war einfach zu groß. 25 bis 30 Kilogramm, die passen in keine Pfanne. So blieben dafür die Gebote aus, als beim Ketziner Fischerfest der Fang des traditionellen Fischzugs versteigert wurde. Das gab es bisher äußerst selten. Bei tropischen Temperaturen warteten die Zuschauer darauf, was sonst noch alles im Netzkorb zappeln würde.
Einen kleineren Fisch, so um drei Kilogramm schwer, wollten sich Daniela und Enrico Sanchez aus Spanien nicht entgehen lassen. Sie hatten ihren Deutschlandbesuch extra auf die Zeit des Ketziner Fischerfestes gelegt. „Wir essen jeden Tag Fisch, und frischer, als direkt aus der Havel, ist er nicht zu bekommen“, sagten die beiden.
Derweil hatten die Dorsche, die Havel Wikinger Piranhas, die Lebensretter und die anderen Mannschaften ihren schweißtreibenden Spaßwettbewerb im Kutterrudern auf der 400 Meter langen Bahn vor dem Seesportclub beendet. Zum dritten Mal hintereinander hatten die Piranhas im Mix (fünf Frauen und fünf Männer) die Kutterspitze als Erste über die Ziellinie gebracht und dürfen den Wanderpokal nun behalten. „Wir spenden einen neuen“, versprach Bürgermeister Bernd Lück.
„Schon der Freitagabend war bombastisch“, freute sich der Organisator des dreitägigen Spektakels, der Ketziner Gastronom René Dost, angesichts des Trubels auf den Festwiesen. Auf mehreren Bühnen lief ein Programm mit Musik, Show und Tanz, wie es wohl vielseitiger kaum sein könnte. Am gegenüberliegenden Havelufer ankerten die Boote dicht an dicht, die Freizeitkapitäne ließen am voll besetzten Stadtsteg die Beine in die nur noch leicht kühlende Havel baumeln, und an der Havelpromenade drängten sich die Besucher, um ein besonderes Spektakel zu erleben. Hier tobten sich die Trebelpiraten auf ihren Wasserskiern aus. Flaggenparade, Dreierpyramide, Überschläge und andere spektakuläre Vorführungen begeisterten die Festgäste.
Auf den Höhepunkt des Festes, den Festumzug zur Geschichte und Gegenwart des 6 500 Einwohner zählenden Städtchens, hatten sich mehr als 3 00 Mitwirkende seit Wochen vorbereitet. Schneiderinnen nähten traditionelle Garderobe, Hortkinder bastelten Boote mit den Namen der Schifferfamilien darauf und fertigten historische Kleidungsstücke an. Die Darsteller ließen die 1920er-Jahre wieder aufleben – eine Zeit, in der die Fischer und Schiffer das wirtschaftliche Leben dominierten. Sie waren mit Arbeitskleidung und Hand-
werkszeug dabei. Ihre Nachfahren wurden auf dem Marktplatz ebenso herzlich begrüßt wie der damalige Bürgermeister Karl Reumschüssel mit seinen Stadtverordneten, die Unternehmer und Geschäftsleute mit ihren Familien, der Nachtwächter und später die Ketziner Vereine und Betriebe, die das städtische Bild mitprägen.
Bürgermeister Bernd Lück durfte mit Königin Jenny Sommer auf dem Kahn des Fischermeisters Lutz Schröder Platz nehmen. Die Persönlichkeiten aus der Gründerzeit des Städtchens wie Bischof Norbert, aber auch Königin Luise und ihr Gatte Friedrich Wilhelm III. , mussten die Huldigungen der Untertanen zu Fuß entgegennehmen. Indessen schlummerten die Jüngsten unbeeindruckt von all dem Trubel. Die Mütter der der im letzten Jahr Geborenen reihten sich mit ihren Kindern in den Umzug ein. (Von Wolfgang Balzer)