BERLIN - Ein drohender Krieg ist in der CDU vorerst ad acta gelegt – der konservative „Berliner Kreis“ der Union hat doch noch kein fertiges Manifest zustande gebracht. Das hätte zwangsläufig Angela Merkel als Vorsitzende in Frage gestellt. Diese Gemeinschaft von 30 bis 40 Funktionsträgern, die sich in besonderer Weise um das Parteiprofil bei Stammwählern kümmern möchte, will nicht als Merkels Kritikerverein identifiziert werden. Deshalb überbieten sich Wortführer des Kreises, beispielsweise Wolfgang Bosbach („Ein Glücksfall“) und Erika Steinbach („Ein Gottesglück“) in Zufriedenheitsbekundungen mit Merkel als Kanzlerin. Man weiß aber, dass mit dem Wirken von Angela Merkel an der CDU-Spitze konservative Stammwähler vergrault und konservative Werte vertrieben wurden. Deshalb plante man den großen Aufschlag in der Sommerloch-Zeit.
Pustekuchen. Wegen der Ferienzeit habe es „aktuelle Organisations- und Abstimmungsprobleme“ gegeben, lässt Christean Wagner wissen. Er ist hessischer CDU-Fraktionsvorsitzender und eine Art geistiger Anführer für das Manifest. Ein neuer Termin solle „zeitnah“ festgelegt werden, teilt Wagner mit. Die Union, so wirbt er, brauche ihre Wurzeln: christlich-sozial, liberal und wertkonservativ. Das müsse sich in den Programmen und Wahlaufrufen niederschlagen. Nur so ließen sich „wieder Wahlergebnisse von 40 plus X“ erreichen.
Manchmal ist der Weg zum großen Aufschlag aber verdammt schwer. Die kleine Gruppe ist bei dem Versuch gescheitert, innerhalb von drei Monaten aus einem achtseitigen Manifest-Entwurf ein Vier-Seiten-Dokument zu erstellen. Den einen Abgeordneten war es nicht kantig genug. Dem anderen aus dem Süden war es nicht klar genug für Atomkraft. Wieder ein anderer wollte ein Anti-Griechenland-Euro-Bekenntnis. Ein weiterer Kreis-Mitdenker wollte genau das gerade nicht. „Blamabel“ und „desaströs“ sei diese Anmutung der Konservativen, höhnen CDU-Leute, die nah bei Merkel sind. Andere verweisen darauf, dass es ehrenwert sei, die CDU als eine Art dreibeinigen Tisch zu beschreiben – liberal, sozial, konservativ – so wie es Frau Steinbach jetzt in einen Interview tat. Auch Angela Merkel finde, dass man da nicht einfach ein Tischbein wegschlagen könne.
Zu einer pragmatischen Lösung kommt die CDU offenbar bei der Neubesetzung der Parteispitze. Abgeblasen scheint der Wettkampf zwischen der rheinland-pfälzischen CDU-Hoffnungsträgerin Julia Klöckner und dem baden-württembergischen Partei-Landeschef Thomas Strobl um den einen frei gewordenen Posten des CDU-Vize. Annette Schavan, die „Kanzlerflüsterin“ mit fremdelnder Basis, hatte ihren Rückzug angekündigt. Die Zahl der CDU-Vize von Angela Merkel an der Spitze soll einfach von jetzt vier auf fünf aufgestockt werden. Damit wäre die Frauenquote gerettet und auch der zweitstärkste CDU-Landesverband Südwest bedient. Eine wirkliche Merkel-Lösung. (Von Dieter Wonka)