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25.08.2012

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Ein belgischer Shakespeare

Dramatiker und Lyriker: Vor 150 Jahren wurde der Literaturnobelpreisträger Maurice Maeterlinck geboren

Als im Mai 1893 in Paris der Vorhang zur Uraufführung von Maurice Maeterlincks „Pelleas und Melisande“ hochging, waren Publikum und Kritiker hingerissen. Mit keinem seiner anderen Stücke errang der am 29. August 1862 im flandrischen Gent geborene Autor ähnlich viel Erfolg. Zur Popularität des märchenhaft gestalteten Werkes trug die meisterliche Vertonung durch Claude Debussy wesentlich bei. Bis in die 1920er Jahre hinein gehörte es zum ständigen Repertoire europäischer Bühnen.

Mittlerweile ist Maeterlinck als Dramatiker vergessen, obwohl seine handlungsarmen, in sich kreisenden Szenerien auf den Stil Samuel Becketts vorauswiesen. Versuche von Regisseuren wie Wolf Redl, Thomas Ostermeier und Christoph Marthaler, seine Schauspiele durch Neueinstudierungen wieder in Erinnerung zu rufen, müssen als gescheitert gelten.

Obwohl Octave Mirabeau ihn schon früh in der Zeitung „Le Figaro“ als „belgischen Shakespeare“ feierte, erwarb Maeterlinck seine entscheidenden Verdienste nicht auf dem Gebiet des Theaters, sondern auf dem der Lyrik. Der Poesie wohnte für ihn stets etwas Mystisches inne: „Die Dichtung in ihrer höchsten Form hat kein anderes Ziel, als die Wege vom Sichtbaren zum Unsichtbaren offen zu halten.“ Insbesondere seine symbolistische Verssammlung „Treibhäuser“, mit der er 1889 debütierte, regte zahlreiche Avantgardisten von Andre Breton bis hin zu Guillaume Apollinaire an. Hermann Hesse zufolge gefiel sich der Verfasser darin „in der Pose des Decadent“, der „nervös und lüstern nach extravaganten Reizen und raren, künstlichen Sensationen“ haschte. Die Strophen sind geprägt von Melancholie und Schwermut: „Zu einer Glocke von blauem Kristall / werden meine müden Traurigkeiten / und meine dunklen Schmerzen weiten / sich zu Gebilden überall.“ Dieser Ton begeisterte die Expressionisten stark. Gottfried Benn zählte Maeterlinck deshalb zu denen, „die uns beeinflussten, uns banden, aber die wir auch überwinden mussten, um zu uns selber zu gelangen“.

Rainer Maria Rilke betrachtete den Belgier als einen „Weisen“ und schilderte ihn als entrückte Figur. Tatsächlich gewinnt man bei der Lektüre von Maeterlincks Texten den Eindruck, einem Menschen zu begegnen, der in höheren Sphären schwebt und nicht ganz von dieser Welt ist. Doch der Künstler stand mit beiden Beinen im Leben. Er liebte gutes Essen, schnelle Autos und Sport. Seine größte Leidenschaft galt dem Boxen, er fuhr auch Fahrrad und lief winters mit Schlittschuhen. Einem skurrilen Hobby frönte er in der Abtei St. Wandrille in der Normandie, die er eine Weile gemietet hatte: Wegen der ausgedehnten Räumlichkeiten bewegte er sich auf Rollschuhen umher.

Von den stattlichen Honoraren, die er kassierte, kaufte er sich an der französischen Riviera ein Schloss, das er nach seinem Lied „Die sieben Mädchen von Orlamünde“ benannte. Intensiv betätigte er sich auch als Imker, als Resultat veröffentlichte er 1901 mit „Das Leben der Bienen“ ein Opus, das sich zum Bestseller mauserte. Wie verbreitet dieses philosophisch-naturkundliche Sachbuch war, bezeugt die 1928 publizierte Autobiografie des Romanciers Ernst Glaeser, in der es heißt: „Meine Mutter kümmerte sich in diesen Tagen wenig um mich. Sie las Maeterlinck: ‚Das Leben der Bienen’. Ein junger Arzt, der ein Feingeist war, hatte es ihr geliehen und in zarten Gesprächen ihre Leidenschaft für Literatur geweckt.“

Maeterlinck stammte aus einer begüterten Familie, absolvierte eine Jesuitenschule und schlug zunächst eine Laufbahn als Rechtsanwalt ein. Da ihm die Juristerei wenig behagte, hängte er sie an den Nagel. Ermutigt durch die namhaften Schriftsteller Stephane Mallarme und Auguste Villiers de l’Isle-Adam begann er mit Sprachexperimenten, die ihn in das Reich des Grotesken, Absurden und Abgründigen führten. 1911 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „Maeterlinck schreibt mit der Vorstellungskraft eines Traumwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer auch mit der Präzision eines großen Künstlers.“ Acht Jahre später erhob ihn der belgische König Albert I. in den Grafenstand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Emigrant in den USA überdauerte, wurde er Präsident des Internationalen PEN-Clubs. Dieses Amt übte er bis zu seinem Tod aus. Maeterlinck starb am

6. Mai 1949 in Nizza. Antonin Artaud würdigte als seine bleibende Leistung, dass er „den vielfältigen Reichtum des Unbewussten“ in einem Maße wie keiner vor ihm in die Literatur integrierte. (Von Ulf Heise)


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