POTSDAM - Wenn das Land, in das einen niemand eingeladen hat, das fremd ist und fern der Heimat, zum Empfang sein kaltes Herz zeigt, ist aller Anfang noch schwerer als ohnehin. Für Flüchtlinge und für Migranten sind Behörden die ersten Anlaufstellen bei ihrer Ankunft und auch später gehören Besuche bei den Vorposten der Verwaltung zum Alltag. In Potsdam erleben dort viele Zuwanderer jedoch das kalte Herz. Vor allem die Ausländerbehörde und der Bürgerservice stehen in der Kritik.
„Es gibt Beschwerden ohne Ende“, sagt die Vorsitzende des Migrantenbeirats Hala Kindelberger, die für die Grünen auch im Stadtparlament sitzt. „Es muss ganz dringend etwas gemacht werden.“ – Jetzt wird etwas gemacht.
Die Mitarbeiter der Ausländerbehörde sind ab sofort verpflichtet, sich auf dem Gebiet der interkulturellen Kompetenz weiterzubilden oder interkulturelle Kompetenz nachzuweisen. Das hat die Stadtverordnetenversammlung (SVV) beschlossen. Die Behördenmitarbeiter sollen lernen, sensibler mit Menschen aus anderen Ländern und anderen Kulturkreisen umzugehen. Mit Menschen, die andere Umgangsformen und oft auch Sprachschwierigkeiten haben. Mit Vertriebenen und Flüchtlingen, die Mord, Vergewaltigung und Folter erfahren haben und traumatisiert sind.
Der Schulungsbedarf ist offenbar enorm. Das zeigen die ersten Ergebnisse einer Großen Anfrage, die die Fraktion Die Andere in der April-SVV gestellt hat, die aber noch nicht vollständig beantwortet ist. Demnach enthalten laut Stadtverwaltung zwar alle Stellenausschreibungen seit 2010 den Hinweis, dass die Landeshauptstadt Interesse an Bewerbern mit interkultureller Kompetenz hat. Das lege laut Andere-Fraktion allerdings den Schluss nahe, dass dies in den Jahren zuvor kein Einstellungskriterium war. Zudem gehörte nach Auskunft der Verwaltung eine interkulturelle Schulung bislang nicht zum Katalog möglicher Schulungsmaßnahmen.
In der Ausländerbehörde arbeiten zurzeit zwölf Mitarbeiter. Sie verfügen laut Verwaltung über langjährige Erfahrungen. Die Arbeitsgruppenleiterin und eine Kollegin haben einen Lehrgang zum Thema interkulturelle Kompetenz besucht. Die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) kündigte in der SVV an, dass die Stadt ein Weiterbildungsprogramm plane. Von verpflichtenden Fortbildungen halte sie allerdings nichts: „Wir müssen die Mitarbeiter motivieren.“
Dass es immer wieder Probleme in der Ausländerbehörde gibt, führt Hala Kindelberger auf den Korruptionsverdacht zurück, der 2009 publik wurde: Ein Mitarbeiter soll gegen Geld Aufenthaltsgenehmigungen erteilt haben. Seither stehen die Mitarbeiter unter besonderem Druck, meint Kindelberger. „Sie wollen alles richtig machen und legen Gesetze und Paragrafen extrem hart aus, selbst wenn diese Spielraum lassen.“ Zu dieser „superkorrekten Art“, komme ein Auftreten, das abweisend, angsteinflößend und oft aggressiv sei. „Eine harte Sprache und ein hartes Gesicht – das alles geschieht sicher nicht böswillig, sondern aus Unsicherheit.“
Die Vorsitzende des Migrationsbeirats hat vor der Abstimmung in der SVV energisch die Pflicht-Schulungen gefordert. Dabei denke sie nicht nur an die Migranten, sondern auch an all jene, die in der Ausländerbehörde arbeiten. „Was sie miterleben, kann keine Menschenseele ertragen.“ In den USA sei es nicht grundlos Usus, dass die Mitarbeiter innerhalb der Behörde alle paar Jahre rotieren.
Der Beschluss sei ein guter Anfang, sagt Hala Kindelberger. Aber er sei eben nur ein Anfang. Das Beste wäre, dass sich die komplette Stadtverwaltung schulen lässt. „Es ist 2012 und Deutschland ist ein offizielles Zuwanderungsland.“ Es gehe um die Menschen vor und hinter dem Schalter: „Sie sollen sich in ihrer Haut wohlfühlen.“ (Von Nadine Fabian)