Jörg Schönbohm diskutiert schon wieder gern. Foto: MAZ/ Gartenschläger
MAZ: Wie geht es Ihnen?
Jörg Schönbohm: Gut, auch wenn ich auf Grund des Schlaganfalls noch sprachliche Defizite und Probleme beim Greifen habe. Ich fange jetzt aber wieder an, Tennis zu spielen und Rad zu fahren.
Bei Schlaganfällen entscheiden Minuten. Hat Sie schnelle medizinische Versorgung vor Schlimmerem bewahrt?
Schönbohm: Ja. Das habe ich meiner Frau zu verdanken. Obwohl Sie selbst krank war, hat Sie mich sofort ins Auto gepackt und ins Krankenhaus gefahren. Und auch dort ist alles richtig gemacht worden.
Ihr Rat für Betroffene?
Schönbohm: Auch wenn sich der Schlaganfall womöglich gar nicht so schlimm anfühlt, sofort den Notarzt rufen.
Nach Ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik hatten Sie große Pläne: Schreiben, Vortragsreisen. Der Schlaganfall hat das unterbrochen. Sind Sie jetzt nur noch Pensionär und Beobachter der Politik?
Schönbohm: Momentan ja. Es geht in kleinen Schritten vorwärts. Mich drängt ja niemand. Sicher will ich mich auch noch politisch einbringen, wenn mein Rat gefragt ist – zum Beispiel als Ehrenvorsitzender der Brandenburger CDU. Aber jetzt fahre ich mit meiner Frau erst mal eine Woche nach Italien.
Fällt es Ihnen nach jahrelanger Omnipräsenz schwer, kürzer zu treten?
Schönbohm: Überhaupt nicht. Nach meinem Abgang als Minister hatte ich viel zu tun...
...Sie haben sogar den Stichwortgeber in der TV-Late-Night-Show von Benjamin von Stuckrad-Barre gegeben.
Schönbohm: Ich hatte viel Spaß dabei. Aber ich habe noch andere Sachen gemacht und meine Erfüllung gefunden. Dann kam der Schlaganfall und ich muss pausieren.
Also ein Sturz ins tiefe Loch?
Schönbohm: Nein. Was mich während meiner Krankheit tief bewegt hat, waren die vielen Briefe und Genesungswünsche. Da ich noch nicht wieder gut schreiben kann, sind viele unbeantwortet. Nächste Woche bin ich in die ZDF-Talkshow von Markus Lanz eingeladen. Mal sehen, wie das geht, aber insgesamt mache ich nicht mehr so viel.
Sie haben in Ihrer aktiven Zeit auch mal ordentlich ausgeteilt. Ein scharfer Spruch von Schönbohm gehörte zum politischen Geschäft. Sind Sie jetzt milder geworden?
Schönbohm: So würde ich es nicht nennen. Sicher sehe ich verschiedene Dinge anders. Brandenburg hat sich ja auch weiterentwickelt. Aber in grundsätzlichen Fragen bin ich nach wie vor hart.
Was ist denn im Land anders geworden?
Schönbohm: In den ländlichen Regionen hat sich eine Menge getan, viele Dörfer sind kaum wiederzuerkennen. Die Leute sind offener. Und in den Städten, vor allem in Potsdam, hat sich wieder ein Bürgertum entwickelt, das sich in öffentlichen Belangen engagiert. Vielleicht war ich damals zu ungeduldig, weil alles zu langsam ging und habe die Menschen überfordert. Und in dem Zusammenhang ist so mancher missverständliche Satz gefallen...
...den wir jetzt gar nicht wiederholen wollen.
Schönbohm (lacht): Danke.
Sie sind Mitglied des „Berliner Kreises“. Eine kleine Schar Konservativer in der CDU vermisst unter Angela Merkel das Konservative in der Partei. Warum tun Sie sich das an und steigen nochmal in den Ring?
Schönbohm: Wir haben in der CDU jede Menge Gruppierungen, Arbeitskreise praktisch für alles. Und darüber geht das Konservative verloren.
Die CDU folgt als Volkspartei nur dem Zug der Zeit, wenn sie sich öffnet. Wofür braucht sie das Konservative noch?
Schönbohm: Konservativ heißt: Das Gute soll erhalten bleiben und das Bessere soll gemacht werden. Diese Regel wird vielfach nicht mehr beachtet. Zweitens muss es Werte geben. Dazu gehört für mich vor allem die Familie.
Der „Berliner Kreis“ ist mit einem Manifest aber vorerst gescheitert?
Schönbohm: Ich hoffe, dass das noch nicht der Endpunkt ist. Ich stimme mit dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach völlig überein. Er ist auch krank und sagt: Es geht nicht um mich, sondern um ein Wertegefüge, das die CDU immer ausgezeichnet und wählbar gemacht hat.
Der CDU-Landesvorsitzenden Saskia Ludwig – ebenfalls Mitglied im konservativen Kreis – wird im politischen Umgang Unversöhnlichkeit vorgeworfen. Selbst in Teilen der Opposition stößt ihr polarisierender Kurs, fernab der sachlichen Auseinandersetzung, auf Ablehnung. Wie sieht der CDU-Ehrenvorsitzende das?
Schönbohm: Sie hat eine Menge geleistet und die Partei geeint. Die CDU ist nicht mehr zerstritten. Zudem hat Saskia Ludwig die Partei programmatisch ausgerichtet. In Einzelfällen schießt sie vielleicht mal übers Ziel hinaus. Für generelle Einschätzungen ist es zu früh. Die Landtagswahl ist 2014, dann wird die Rechnung aufgemacht.
Frau Ludwig gratuliert Ihnen in der rechtspopulistischen Zeitung „Junge Freiheit“ zum Geburtstag. In dem Artikel wirft sie Brandenburger Medien pauschal eine von der Staatskanzlei gelenkte Meinungsmanipulation vor.
Schönbohm: Bei allem Ärger, den Politiker mit Medien gelegentlich mal haben, geht das meines Erachtens zu weit. Es hilft der CDU auch nicht.
Sie selbst sind 2009 mit harscher Kritik an Rot-Rot aus der Regierung mit der SPD ausgeschieden. Die Flughafenpleite ist für SPD und Linke eine empfindliche Niederlage. Dennnoch hat die Koalition in der Haushalts- und Wirtschaftspolitik auch Erfolge vorzuweisen. Korrigieren Sie Ihre damalige Einschätzung?
Schönbohm: Nein. Meine Kritik richtete sich gegen die Art, wie Matthias Platzeck der CDU den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Die Ergebnisse etwa in der Wirtschaft zeigen in der Tat, dass Rot-Rot erstaunlich gute Politik macht.
Das hat wohl auch mit dem zuständigen Minister zu tun.
Schönbohm: Ralf Christoffers ist für mich längst kein Linker mehr.
Vorsicht, zu viel Lob für die Regierung macht Sie in den eigenen Reihen verdächtig. Wo sehen Sie Fehler von Rot-Rot?
Schönbohm: Bei der Polizei zum Beispiel. Als ich noch im Amt war, habe ich immer gesagt, dass da nicht mehr allzu viel gespart werden kann. Der Abbau weiterer 1900 Stellen ist hochproblematisch. Das zeigt sich schon daran, dass zur Bekämpfung der Grenzkriminalität Bereitschaftspolizei eingesetzt werden muss.
Sie waren Offizier, Staatssekretär, Inspekteur, Innensenator von Berlin und Innenminister in Brandenburg. Was war die spannendste Aufgabe?
Schönbohm: Die Übernahme der Volksarmee durch die Bundeswehr. Man wusste nie, was passiert. Noch war die Rote Armee im Land. Das bedeutete für mich als Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg ein Spiel mit vielen Unbekannten. Da habe ich ein Jahr praktisch durchgearbeitet, wenig Schlaf, immer wieder Neues.
Gab es auch gefährliche Situationen?
Schönbohm: Ja, etwa im April 1991. Da kamen Gerüchte auf, dass die Russen im sachsen-anhaltinischen Altengrabow Atomwaffen lagern. Im Rahmen der geltenden Bestimmungen habe ich Soldaten zur Aufklärung losgeschickt. Einer von ihnen, ein Oberstleutnant der NVA, wurde dabei von einem Russen angeschossen.
Es heißt, Sie hatten immer einen guten Draht zur Spitze der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Wie war das erste Zusammentreffen mit dem allmächtigen Oberkommandierenden?
Schönbohm: Das war Ende Oktober 1990. General Snetkow, der damalige Chef, begrüßte mich in seinem Hauptquartier in Wünsdorf und fragte: Warum sind Sie hier? Ich habe geantwortet: Herr General, als Sie als junger Leutnant 1945 nach Brandenburg kamen, ist meine Mutter mit uns Kindern geflohen. Ich will heute mit Ihnen über den Abzug Ihrer Truppen zu sprechen – und zwar aufrecht und in aller Form.
Ziemlich starker Tobak.
Schönbohm: Stimmt. Zu Snetkow blieb das Verhältnis angespannt. Ganz anders war es mit dem letzten Oberkommandierenden Burlakow. Der hat beim Abzug zwar manches mitgenommen, was er hier lassen sollte, und einiges dagelassen, was er besser mitgenommen hätte, aber die Zusammenarbeit war fair.
Da wurde bestimmt so mancher Wodka getrunken?
Schönbohm: Eine Menge.
Ich nehme das mal als Stichwort. Wie feiern Sie Ihren morgigen Geburtstag?
Schönbohm: Mit Familie und engen Freunden im Berliner Tennisclub.
Biografisches