MAZ: Sie hatten kürzlich Grund zu feiern: Ihren 75. Geburtstag. Nachträglich herzlichen Glückwunsch!
Hans-Jürgen Schulze-Eggert: Danke schön. Wir haben aber gar nicht groß gefeiert. Meine Frau und ich waren an diesem Tag in Südtirol, wo wir in den Bergen herumgestiefelt sind.
Seit den 1990er Jahren sind Sie in der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ aktiv. Woher rührt Ihr Engagement?
Schulze-Eggert: Es begann mit der persönlichen Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Nationalsozialismus – beides kannte ich auch aus meinem familiären Umfeld. Weil mich das alles tief bewegte, trat ich in meinem damaligen Wohnort Bad Godesberg bei Bonn dem Synagogenverein bei. Im Januar 1991 kam ich als Verwaltungshelfer nach Potsdam. 1993 gründete sich die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit – wir feiern also bald unser 20-jähriges Jubiläum!
Die gestrige Busfahrt nach Halberstadt war ja ursprünglich als eine gemeinsame Tour mit Mitgliedern aller drei Potsdamer jüdischen Gemeinden geplant. Ist das gelungen?
Schulze-Eggert: Leider nicht ganz. Ich habe bewusst alle drei Gemeinden eingeladen in der Hoffnung, die Mitglieder bei der Gelegenheit zusammenzuführen. Das war auch Ministerpräsident Platzeck wichtig, der freundlicherweise mit einer großzügigen Spende die Fahrt ermöglicht hat. Shimon Nebrat von der Gesetzestreuen Landesgemeinde schien interessiert, hat sich dann aber entschieden, selbst nach Halberstadt zu fahren. Und von der Synagogengemeinde gab es immerhin fünf Anmeldungen für die Bustour. Leider kam dann gestern nur ein einziges Mitglied der Synagogengemeinde mit.
Also gestaltet sich das Zusammenleben der Gemeinden nach wie vor schwierig?
Schulze-Eggert: Ja, leider ist das wohl so. Ich hoffe aber, dass sie vielleicht endlich in diesem Jahr zur Gedenkstunde am 9. November alle dabei sind.
Worin sehen Sie die Ursache?
Schulze-Eggert: Die Gesetzestreue Landesgemeinde hat sich schon 1999 abgesetzt in der Überzeugung, dass nur sie die religiösen Gesetze konsequent beachtet. Die Synagogengemeinde hat sich aus dem Streit um den Synagogenbau gegründet und dieser Streit steht leider noch zwischen den Gemeinden.
Haben Sie Verständnis für diesen Konflikt?
Schulze-Eggert: Nein. Ich habe sehr bedauert, dass durch die Intervention des Dirigenten Ud Joffe, der den Vorsitz der Synagogengemeinde inne hat, das fertige und sorgfältig geplante Synagogenprojekt im Frühsommer 2011 gestoppt worden ist. Joffes Einwände halte ich nicht für stichhaltig. Natürlich kann man über die Gestaltung eines Gebäudes streiten, aber dem Entwurf des Architekten Haberland vorzuwerfen, es sei keine „würdige“ Synagoge, halte ich für unsachlich und kränkend.
Kritiker sagen es sei nicht als Synagoge zu erkennen.
Schulze-Eggert: Unsinn. Haberlands Synagoge sticht schon allein durch ihren hohen, einladenden Eingang als erhabenes Sakralgebäude hervor. Der hebräische Schriftzug neben dem Eingang und Davidsterne im Türrahmen kennzeichnen das Gebäude klar als Synagoge.
Aber wirkt der Bau in seiner Modernität nicht wie die Faust aufs Auge in dem historischen Umfeld?
Schulze-Eggert: So argumentiert „Mitteschön“ und über deren Intervention habe ich mich besonders geärgert. Bei allen Verdiensten, die „Mitteschön“ hat, war es nicht ihre Sache, sich in das Synagogenprojekt einzumischen. Ich finde es nicht überzeugend, wenn einige Laien meinen, es besser zu wissen als ein fachlich besetztes Preisrichtergremium, das selbstverständlich auch das historische Umfeld in seine Überlegungen einbezogen hat.
Was halten Sie von der Variante, die Ud Joffes Mitstreiter Ulrich Zimmermann vorgelegt hat? Diese Variante sieht die Auslagerung der Gemeinderäume aus der Synagoge in das „Einsiedler“-Gebäude vor, das neben Synagoge wiedererrichtet werden soll.
Schulze-Eggert: Das halte ich für abwegig, weil die jüdische Gemeinde sich dann darauf verlassen müsste, dauerhaft kostenlos Räume nutzen zu dürfen, die im Eigentum eines anderen stehen.
Denken Sie, dass 2013 der Synagogenbau begonnen wird?
Schulze-Eggert: Ja, wenn auf der Grundlage eines veränderten Haberland-Entwurfs gebaut wird. Wenn man ganz neu beginnen muss, ist 2013 sicher illusorisch.