MAZ: Frau Schulte, die Schönwalder Grundschule „Menschenskinder“ nimmt seit diesem Schuljahr am Pilotprojekt „Inklusive Schule“ des Landes teil. Strömen jetzt Schüler mit besonderem Betreuungsbedarf auf Sie ein?
Michaela Schulte: Nein, ich denke nicht, dass es so viel mehr werden. Integriert werden diese Kinder schon seit vielen Jahren. Wir haben schon Kinder mit Down-Syndrom beschult, als es das Modellprojekt noch nicht gab. Inklusion bezeichnet vor allem eine andere Herangehensweise an den Unterricht. Das ist aber auch nicht ganz neu für uns, wir haben ja schon im Pilotprojekt des Schulamtsbezirks teilgenommen.
Für Inklusion braucht es zusätzliche Lehrkräfte. Wie ist die Grundschule „Menschenskinder“ da ausgestattet?
Schulte: Wir sind drei Sonderpädagogen, die die Lehrer unterstützen. Außerdem gibt es noch zwei pädagogische Unterrichtshilfen. Das sind Mitarbeiter, die sich um Schüler mit dem Förderbedarf geistige Entwicklung kümmern. Eine unserer pädagogischen Unterrichtshilfen hat gerade ein Kind mit Down-Syndrom von der ersten bis zur sechsten Klassen begleitet.
Sind Sie von dem Brandenburger Weg, die Förderschulen aufzulösen und alle Kinder in den Regelschulen zu betreuen, überzeugt?
Schulte: Grundsätzlich ist Brandenburg ziemlich weit. Sicher gibt es Punkte, an denen wir mehr Unterstützung brauchen. Ich würde es begrüßen, wenn wir einen Sonderpädagogen in jeder Klasse hätten, aber das ist illusorisch.
Wie muss man sich die Arbeit der Sonderpädagogen praktisch vorstellen?
Schulte: Wir unterstützen die Lehrer im Unterricht. Mal stehen wir zu zweit vorne, mal steht einer vor der Klasse, der andere sitzt hinten, hilft wenn nötig und hat dort auch die Schüler im Blick.
Angst haben Lehrer vor allem davor, dass verhaltensauffällige Schüler die ganze Klasse sprengen. Wie kann das verhindert werden?
Schulte: Da muss man Regeln aufstellen. Nach dem Motto: Wer fünf Minuten still sitzt und arbeitet, darf sich danach mal bewegen. Für so etwas muss es aber Absprachen im Lehrerkollegium geben. Es kann nicht sein, dass Regeln bei einem gelten und bei einem anderen Lehrer nicht.
Haben Sie Widerstände bei den Lehrern erlebt?
Schulte: Sicher gab es Zweifler, aber große Kämpfe haben nicht stattgefunden.
Eigentlich verwunderlich, denn die Anforderungen an die Lehrer steigen immer weiter. Sie sollen jetzt wie Sozialpädagogen denken, den Leistungsstand jeden Schülers im Blick haben und sich auch noch mit verhaltensauffälligen Kindern auseinandersetzen. Macht man die Lehrer damit nicht kaputt?
Schulte: Inklusion ist eine Haltungsfrage. Sie kann nur funktionieren, wenn Lehrer ihre Haltung ändern. Früher mussten sich die Schüler an die Schule anpassen. Es wurde ein Klassenziel vorgegeben, wer es nicht erreicht hat, bekam Fünfen. Bei der Inklusion darf jeder sein eigenes Tempo gehen. Wenn ich das als Lehrer akzeptiere, kann ich mich über kleine Erfolge bei schwächeren Schülern freuen. Das gibt mir mehr, als wenn ich Fünfen verteile. Wenn ich akzeptiere, dass jedes Kind unterschiedlich ist, dann ist die Belastung nicht größer als vorher, nur anders.
Am Ende müssen Sie aber trotzdem Zeugnisse schreiben, und dem Schüler, dem sie die ganze Zeit das Gefühl vermittelt haben, er mache seine Sache gut, eine Vier geben. Wie passt das zusammen?
Schulte: Die Bewertung ist ein Problem, an dem noch gearbeitet werden muss.
Welche sehen Sie noch?
Schulte: Noch gibt es einen Bruch nach der sechsten Klasse. Es macht wenig Sinn, wenn wir die Kinder in der Grundschule nach einem neuen Konzept unterrichten, sie aber auf der weiterführenden Schule wieder in das herkömmliche System eingegliedert werden.
Wie lange wird es noch dauern, bis die Inklusion komplett umgesetzt ist?
Schulte: Jahrzehnte, vielleicht erreichen wir sie nie ganz. Trotzdem halte ich das Umdenken für wichtig. Die Kinder sind ja da, jedes ist anders, wir müssen mit ihnen umgehen. Deshalb ist das Pilotprojekt eine Chance. Klar ist aber, dass das zum Nulltarif und ohne zusätzliches Personal nicht geht.