PFALZHEIM - Nicht fünf vor, sondern zehn nach 12 Uhr wurde gestern auf einem Hügel bei Pfalzheim mit einigen Unterschriften Geschichte geschrieben: Die Heinz-Sielmann-Stiftung übernimmt zum 1. Oktober knapp 4000 Hektar der rund 12 000 Hektar großen Kyritz-Ruppiner Heide.
„Es ist eine große Verpflichtung für uns, das Bombodrom als Paradies für Naturbegeisterte zu erhalten und für die Menschen zugänglich zu machen“, sagte Inge Sielmann. Die 82-Jährige ist Vorsitzende der von ihr und ihrem Mann 1994 gegründeten Stiftung – und war gestern zum ersten Mal in der Kyritz-Ruppiner Heide. „Ich hoffe, dass wir die Leute nicht enttäuschen“, sagte Inge Sielmann. Denn bis auf Weiteres werden nur sporadisch geführte Touren möglich sein. Der Grund: In der Heide, in der die russische Armee 40 Jahre lang den Krieg probte, werden mehr als eine Million Blindgänger vermutet, darunter auch international geächtete Streuwaffen, wie Antipersonenminen und Kugelbomben. „Die werden wir uns als Erstes vornehmen“, versprach gestern Axel Kunze, Vorstand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima).
Die Bima ist seit Abzug der Bundeswehr, die den Platz 1993 übernommen und im Januar 2011 ihre Kommandantur aufgelöst hatte, Eigentümerin der Heide. Wie teuer das Bergen und Vernichten der Streuwaffen in der Heide wird, ist offen. Bisher ist noch nicht einmal klar, wie viel dieser tödlichen Munition auf dem Areal liegt. Das wird wohl frühestens im Mai feststehen. Dann sollen die geomagnetischen Untersuchungen, die die Bima beauftragt hat, abgeschlossen und die Ergebnisse ausgewertet sein. „Wir müssen erst für die Sicherheit unserer Förster und Dienstleister sorgen“, betonte Bima-Vorstand Kunze. Deshalb sollen im nächsten Jahr die 160 Kilometer Betriebswege in der Heide, auf denen das Bima-Personal unterwegs ist, untersucht werden sowie der Brandschutzstreifen, der sich wie ein Ring um die Heide legt. An den Finanzen soll diese Sicherung nicht scheitern. „Wir haben genügend Geld da“, versicherte Bima-Mann Kunze. Experten rechnen damit, dass allein das Beräumen der Kugelbomben und Schmetterlingsminen bis zu 30 Millionen Euro kosten wird.
An diesen Kosten muss sich die Sielmann-Stiftung nicht beteiligen. Die Stiftung hat zudem das Areal zur Heidepflege übertragen bekommen, in dem am wenigsten Munition erwartet wird. Inge Sielmann hoffte denn gestern auch, dass in diesem Gebiet in naher Zukunft vielleicht eine Aussichtsplattform sowie Rastplätze für Wanderer errichtet werden können. „Das Wichtigste ist, dass keiner in Gefahr gerät“, betonte die Sielmann-Chefin. Deshalb wird vorerst nur an geführte Rad-, Reit- und Wanderausflüge gedacht.
Für Christian Gilde ist das kein Problem. „Wir haben Geduld. Die Menschen werden schrittweise das Stück Heimat wieder erleben können.“ Der einstige Landrat von Wittstock und Neuruppin hat mehr als 18 Jahre mit der Bürgerinitiative „Freie Heide“ gegen den geplanten Luft-Boden-Schießplatz gekämpft. Ein „segensreicher Dreiklang“ aus Initiativen, Kommunen und rechtlichen Auseinandersetzungen habe zum Erfolg geführt, so Gilde. Dazu trugen auch viele Unternehmer bei, die sich in der Bewegung Pro Heide für eine zivile Nutzung engagierten, sowie die Initiative Freier Himmel aus Mecklenburg-Vorpommern. Gilde erinnerte daran, dass die Bundeswehr Anfang der 1990er Jahre versichert habe, dass sie den Platz nicht nutzen wolle. Unterzeichnet hatte das Schreiben damals ein Mann, der später Innenminister in Potsdam wurde: Jörg Schönbohm. Er war seinerzeit Offizier in Strausberg. Gilde war gestern sehr zufrieden. „Wir haben ein neues Stück Erde, das nicht militärisch bedroht ist.“ (Von Andreas Vogel)
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