POTSDAM - Um kurz nach 18 Uhr stürmen die Demonstranten den Saal, in dem der Hauptausschuss gerade sein Urteil über die Wagenburg auf Hermannswerder gefällt hat. Die Männer, Frauen und Kinder sind aufgebracht. „Es geht um unsere Zukunft“, sagt Doreen Schmotz. „Es geht um unsere Vorstellung vom Leben.“ Sie alle wollen ihrem Ärger Luft machen, den Abgeordneten ins Gewissen reden, Zeit gewinnen. „Wir wollen, dass mit uns ernsthaft und auf gleicher Augenhöhe geredet wird“, sagte Doreen Schmotz. Sie lebt seit sechs Jahren in der Wagenburg und spricht für die Lebensgemeinschaft. „Es wird über unsere Köpfe hinweg entschieden. Das kann nicht sein.“
Rund 200 Menschen sind gestern Abend vor das Rathaus gezogen, um die Bewohner der Wagenburg zu unterstützen. Stein des Anstoßes ist der Plan der Stadt, das alternative Wohnprojekt innerhalb der nächsten fünf Jahre umzusiedeln, denn die Stadt will das Insel-Grundstück verkaufen. Dessen Verkehrswert liegt bei 1,9 Millionen Euro. Man hofft aber, bis zu sechs Millionen zu bekommen.
Der Beschluss fiel im Hauptausschuss bei fünf Gegenstimmen. Als die Wagenburg-Gemeinschaft unten auf der Straße davon erfährt, hagelt es Pfiffe und Buhrufe. Die Abgeordneten hoch oben im Rathaus stört das wenig: Sie tagen hinter verschlossenen Fenstern und gepolsterten Türen. Als aber rund 30 Demonstranten die Sitzung sprengen, lenkt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) umgehend ein und lässt sie gewähren. Sie dürfen – wenn auch kurz – ihre Sorgen, ihre Forderungen und Vorwürfe vortragen.
Die Wagenhaus-Bewohner werfen der Stadt vor allem eines vor: Wortbruch. Sie berufen sich darauf, dass per SVV-Beschluss mehrere Optionen zur Zukunft des Wohnprojektes zu prüfen und gemeinsam mit den Wagenbürgern zu verhandeln seien. Dies sei aber bisher nicht geschehen, denn die Stadt habe sich auf die nun abgestimmte Variante konzentriert und dies zudem nicht eingehend mit den Wagenbürgern besprochen. „Verhandeln heißt nicht, Sie zeigen uns ein paar Standorte, von denen die meisten Schuttabladeplätze oder Pferdekoppeln sind“, sagte Doreen Schmotz. „Verhandeln heißt, über die Rahmenbedingungen zu reden.“ Jann Jakobs betonte, dass sehr wohl Verhandlungen stattgefunden haben. „Aber man ist nicht zu einem gemeinsamem Ergebnis gekommen – das darf man nicht verwechseln.“ Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke) stellte sich offen auf die Seite der Wagenbürger. Er fühle sich an die Debatten über Spartacus und Treffpunkt Freizeit erinnert. Er monierte, dass die Frage, ob die Wagenburg dauerhaft auf Hermannswerder bleiben könne gar keine Rolle mehr spielt. Der entsprechende Antrag seiner Fraktion wurde aber nach dem Bekenntnis zur Variante „fünf Jahre Aufschub, dann Umzug nach Golm“ von der Mehrheit als erledigt erklärt. Scharfenberg kündigte an, das Thema in der Stadtverordnetenversammlung erneut aufzurufen. Die SVV tagt am kommenden Mittwoch. Die zentrale Frage der Wagenbürger laute bis dahin: „Sind in dieser Stadt vielfältiges Leben und unterschiedliche Lebensentwürfe wirklich gewollt?“, so Doreen Schmotz. (Von Nadine Fabian)