ORANIENBURG - Die KZ-Aufseher der SS wohnten in Sichtweite des Lagers. Und ihre Kinder gingen mit anderen Kindern aus Oranienburg zur Schule, sie waren miteinander befreundet. „Aber die Leute sprechen darüber nicht“, sagt eine Oranieburgerin, die sich selbst an den Anblick von KZ-Häftlingen erinnern kann. Wenn deportierte Juden am Bahnhof ankamen und zum Lager gebracht wurden, seien sie von Oranienburger Kindern beschimpft und mit Steinen oder altem Obst beworfen, so die 74-Jährige.
Die Rolle der Täter, aber auch der alltägliche Umgang der Bevölkerung mit Deportationen, Lagerhaft und Massenmord gehörten zum Inhalt eines Fachgesprächs gestern in der Gedenkstätte Sachsenhausen, zu dem die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg eingeladen hatte. Im Mittelpunkt dieser Tagung stand aber die Auseinandersetzung der Nachkommen lokaler Täter mit ihren Vorfahren. Was wissen Menschen der dritten und vierten Generation über ihre Groß- und Urgroßeltern, die das NS-System unterstützten oder Mitläufer waren?
Wie sich die Menschen in Fürstenberg mit dem KZ Ravensbrück auseinandersetzten, hat Annette Leo rund um die Jahrtausendwende für ein Buch erforscht. Gesprächspartner zu finden sei damals zunächst schwierig gewesen, sagt die Autorin. Die meisten Fürstenberger wollten in der NS-Zeit nichts mit dem Lager zu tun haben. „Das war wie eine Insel: Dort das Lager, hier die Stadt“, sagt Leo. Im Grunde bestehe diese Trennung bis heute.
Man habe sich den Lageralltag nicht eingestehen wollen, obwohl man ständig damit kronfrontiert war. „Alles andere wäre ein Eingeständnis von Schuld gewesen, weil man nicht geholfen hat“, so Leo. Das sei noch heute so, nur noch überformt von moralischen Botschaften.
„Moral erhöht den Schulddruck“, sagte Sozialpsychologe Rolf Pohl von der Universität Hannover. Er hat sich intensiv mit der Täterschaft auseinandergesetzt. Denn während in den Jahren nach dem Krieg die Ansicht vorherrschte, dass Hitler an allem Schuld sei, habe man später distanziert von „kalten Mördern“ gesprochen und die Täter damit entpersonalisiert. Inzwischen gelte die Normalisierung, das heißt, die Täter und Massenmörder waren ganz normale Menschen. Die Ursachen zu ihrem Handeln werden vielfältig untersucht. Dass die Grenzen zwischen „normal“ und pathologisch – wie übrigens auch beim norwegischen rechtsextremistischen Massenmörder Breivik – fließend sind, habe schon Freud festgestellt, so Pohl.
Bis heute werden die Täterschaften voriger Generationen verschwiegen, lautete ein Fazit von Referenten und Podiumsteilnehmern. Doch das Familiengedächtnis sei wichtig, sagte Pohl. Manchmal seien Täter von einst bereit, zu reden, sagte Iris Wachsmuth von der Freien Universität Berlin. Doch oft seien es die Enkel, die sie vor der Öffentlichkeit schützen wollten. Dabei sei das Thema auch für sie belastend, so Inka Thunecke von der Böll-Stiftung, die auch aus eigener Erfahrung sprach: „In schweigenden Familien bleibt Unausgesprochenes präsent und wird als Qual an folgende Generationen weitergegeben.“ (Von Klaus D. Grote)