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17.09.2012

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AUSSENTEMPERATUR - Der vereinnahmte Minister

Die Vietnamesen betrachten Philipp Rösler als einen der Ihren, erklärt Marina Mai

Heute trifft Philipp Rösler zu einem Besuch in Vietnam ein. Der Bundeswirtschaftsminister, FDP-Chef und deutsche Vizekanzler führt einen Tross von Unternehmern an, die in dem südostasiatischen Land investieren wollen. Was sich nach ministerialer Routine anhört, ist für den 39-jährigen aber etwas Besonderes: Rösler reist in sein Geburtsland.

In den Wirren des Vietnamkrieges wurde er als Findelkind vor einem katholischen Waisenhaus im Mekongdelta abgelegt und dort neun Monate lang versorgt, bis ihn eine deutsche Familie adoptierte. Rösler wuchs als deren Sohn auf, erlernte nie die vietnamesische Sprache. Sein Interesse an seinem Geburtsland hielt sich stets in Grenzen. Vietnam besuchte er erstmals 2006 wieder – auf Drängen seiner Frau.

Das hindert die Vietnamesen freilich nicht daran, den deutschen Politiker als einen der ihren zu betrachten. „Vietnamesisch-deutscher Wirtschaftsminister für Wirtschaft und Technologie besucht Vietnam“, titelt etwa die viel gelesene Onlinezeitung „VietNamNet Bridge“. Auch Röslers Vorabbesuch in der vietnamesischen Botschaft in Berlin Ende August wurde in den Medien breit beachtet. Der „deutsch-vietnamesische Vizekanzler“, so die Jugendzeitung „Tuoi Tre“, habe in der Botschaft die vietnamesische Gemeinde in Deutschland gewürdigt, die gut in die Gesellschaft des Gastlandes integriert sei.

Dass er selbst Teil dieser Gemeinde sei, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Ausland lebende Menschen mit vietnamesischen Wurzeln gelten in der Heimat als Vietnamesen, ihr Heimatland wird als Gastland bezeichnet und ihre vornehmste Aufgabe ist es nach offizieller Lesart, von dort auch Geld zu ihren Familien nach Vietnam zu transferieren, um „zum Aufbau der Heimat“ beizutragen. Einige Zeitungen schrieben sogar, Rösler werde auch seine Familie in Vietnam besuchen. Eine Familie, die es überhaupt nicht gibt.

Als Rösler im Jahr 2009 Bundesgesundheitsminister wurde, hieß es in einigen Gazetten unverblümt, dass ein Vietnamese jetzt in Deutschland Minister geworden sei. Das sei „gut für unser Land“, meinte damals die Onlinezeitung „VietnamNet“ und forderte, Rösler könne gleich auch das vietnamesische Gesundheitswesen auf Vordermann bringen.

Sollte Röslers FDP nächstes Jahr an der Fünfprozenthürde scheitern oder er den Parteivorsitz los werden, stehen ihm zwischen Rotem Fluss und Mekong jedenfalls viele Türen offen. Heute wird der promovierte Mediziner in Hanoi schon einmal zum Ehrendoktor ernannt. Und morgen weiht der Vater zweier Töchter in Saigon eine deutsche Schule ein.


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