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18.09.2012

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Kleine Frau ganz groß

Esther Bejarano zu Gast bei der Herbsttagung des Liebenberger Freundeskreises Libertas

LIEBENBERG - Niemals scheint er zu Ende zu sein, der Kampf für den Frieden, die Freiheit des Einzelnen, gegen das Wiedererstarken rechter Kräfte. Er hat viele Gesichter und viele Lieder. In der mit etwa 80 Gästen gut besuchten Liebenberger Kirche wurden sie am Sonntagnachmittag in ungewöhnlicher, in Rapper-Manier, vorgetragen.

Da stand die kleine Esther Bejarano mit weißer Kurzhaarfrisur zwischen den beiden großen Männern Kutlu Yurtserven und ihrem Sohn Joram Bejarano von der Kölner Band „Microphone Mafia“ und sang so bekannte Lieder wie „Avanti Popolo“, „Bella Ciao“, Brechts „Zu ejns, zwej, draj“ oder die Ballade von der Judenhure. Sie sang sie mit Leidenschaft, inbrünstig und voller Hingabe. Denn wer, wenn nicht eine Frau wie sie, könnte Zeugnis ablegen von menschlicher Entwürdigung, die sie im eigenen Leibe erfahren hat, und dabei gleichzeitig warnen vor erneuter Ausbreitung brauner Ideen?

Als Halbjüdin und Gefangene im berüchtigten Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau hat sie diese Entwürdigung am eigenen Leibe erfahren. Der ihr zugeteilten Arbeit beim Schleppen schwerer Steine entkam sie nur, indem sie sich für das Mädchenorchester Auschwitz als Akkordeonspielerin bewarb und auch angenommen wurde. Das rettete ihr das Leben.

Doch die Musik ist ihr noch immer Mittel im Kampf gegen das Vergessen. Zunächst sang sie mit ihren Kindern Edna und Joram in der Gruppe „Coincidence“ jüdische und antifaschistische Lieder. Dann kam Kutlu Yurtserven und umwarb sie für das Mitwirken in der Band „Microphone Mafia“ und die Herausgabe einer gemeinsamen CD. Ein gewagtes Experiment, jüdische Lieder im Hip-Hop-Stil zu präsentieren. Doch mit Esther Bejaranos und ihrer in der Vergangenheit wurzelnden Überzeugungskraft und mit Kutlu Yutservens charmant sie umkreisenden, lautstarken, mit Beat untermalten und zusätzlich getexteten Arrangements verbinden sich zwei Generationen zu einem Ziel. Das nötigte den etwas reiferen Besuchern zunächst Phasen der Gewöhnung ab, begeisterte aber Jugendliche und sogar Kinder, die sich in dieser lauten und rhythmusstarken Musik wiederfanden. Diese Darbietungen nahmen den Liedern jeden Anklang von Agitprop und hauchten ihnen dafür die Kraft einer neuen modernen Zeit ein.

Mit einer solchen Wirkung auch junge Menschen anzusprechen, ist dem Liebenberger Freundeskreis Libertas voll gelungen. Die hatten in ihrer vormittäglichen Herbstkonferenz den alten Vorstand mit dem Vorsitzenden Joachim Rinn, seinem Stellvertreter Hans Coppi, der Schriftführerin Heike Steger und Schatzmeister Martin Nitz neu bestätigt. Die Funktionen als Beirat für Kontaktpflege bekleidet Michael Meyer-Sebastian und für Öffentlichkeitsarbeit Friedemann Humburg.

Als Diskussionspartnerin hatten die Vereinsmitglieder mit Martha Schad eine Historikerin gewonnen, die ihr Hauptbetätigungsfeld in der Aufarbeitung historischer Frauengestalten sieht. Zu ihren 30 Buchveröffentlichungen gehört auch der Titel „Frauen gegen Hitler“, aus dem sie die Zuhörer mit zwei Widerstandskämpferinnen bekannt machte. Die eine, Constanze Hallgarten aus München, hatte bereits früh die Mittelmäßigkeit von Hitler erkannt, und dessen Machtwahn öffentlich angeprangert. Auch nach dem Krieg blieb sie eine streitbare Frau, die die Aufrüstung durch die Bonner Regierung oder den Vietnam-Krieg der USA scharf kritisierte. Die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson war die einzige Journalistin, der Hitler ein Interview gegeben hat, was er später wohl sehr bereute. Denn die kluge Frau erkannte schnell, welch' bedeutungsloser Mensch sich, einer Karikatur gleich, hinter dem Gehabe dieses „Prototypen des kleinen Mannes“ verbarg. Schad beleuchtet in ihrem Buch auch die Ereignisse in der Berliner Rosenstraße, bei der es einer Gruppe von Frauen gelang, Goebbels kurzzeitig in die Knie zu zwingen. Das heißt, er wagte es nicht, die Männer der protestierenden Frauen abtransportieren zu lassen, vorerst nicht.

Ist aber der Widerstand der Frauen anders zu bewerten als der der Männer, befragte Joachim Rinn in einer Gesprächsrunde die Autorin. Das wohl kaum, erwiderte Martha Schad, aber von dem der Männer ist mehr bekannt. Die Frauenforschung dagegen setzte erst sehr spät in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein. Sie taten zwar das Selbstverständliche, das nicht immer ungefährlich war, aber niemand, der es publik machte. „Doch ohne den Anteil der Frauen bleibt die Geschichte unvollständig“, betonte Schad. Auch hätten sich die Beweggründe der Frauen oft von denen der Männer unterschieden. Ihren Widerstand gegen das Naziregime leisteten sie, um anständig zu bleiben, ihre Christenpflicht zu erfüllen, und nicht in Schande zu sterben. Frauen übten sich zu oft in Bescheidenheit, sodass ihre Handlungen gegenüber denen der Männer allzu oft unbeachtet blieben. (Von Rotraud Wieland)


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