PERLEBERG - „Ich komme in den Raum, es sind minus fünf Grad. Schon zwei Stunden vor der Probe müssen wir hin und den Ofen mit Kohlen anheizen“, erzählt Sebastian Sturm über den Proberaum seiner Punkrock-Band „Taktkiller“. Dazu komme das ständige Schleppen von Brennmaterial. Ruß und Rauch seien Gift für die Instrumente. Da sei schon einmal eine Rechnung über 900 Euro für eine Mikrofon-Reparatur auf die Band zugekommen. Im Winter leide ihre Motivation unter diesen Zuständen. Aber eine andere Möglichkeit zum Proben habe es nicht gegeben. Einen neuen Song schreiben, den nächsten Aufritt vorbereiten, sich mit den Kumpels treffen – für das alles bietet ein Proberaum Platz – wenn man denn einen hat.
Was Proberäume für junge Bands betreffe, habe es in den letzten Jahren in Perleberg nur Probleme gegeben, so der junge Musiker. Musik machen sei für ihn ein Stück Lebensqualität. „Ich freue mich schon. Morgen ist es mal wieder Zeit für eine Probe“, erzählt der 34-Jährige.
Seit 1997 fährt er mit unterschiedlichen Bands auf der Punkrock-Schiene. Die erste Proberaum-Station war eine Gartenlaube ohne Heizung. Die Mutter seines Bassisten hatte diesen Ort als Notlösung angeboten. Zwei Jahre später: neue Band, neuer Proberaum. Dieses Mal ein Keller in einem leer stehenden Gebäude am Stadtrand von Perleberg. „Wir sind auf der Suche nach einem Proberaum durch die ganze Stadt gefahren und haben die Leute auf gut Glück gefragt“, erzählt Sebastian Sturm. Später probte er in einem Jugendklub der Caritas. Auch hier spielte der Zufall eine große Rolle: Eine andere Band wollte den Proberaum aufgeben und übergab ihn Sturm und seiner Band.
Seit 2006 rockt er mit seiner aktuellen Band „Taktkiller“ nun im Alten Sägewerk Perleberg. „Musik ist nun einmal mit Lärm verbunden“, sagt er. Im aktuellen Proberaum flatterte schon ein Beschwerdebrief ein – anonym. So klingelte er an allen Türen der Nachbarschaft, um zu erfahren, wer sich durch den angeblichen Punkrock-Lärm gestört fühlt. Dabei hatte er sich beim Ordnungsamt bereits über das sogenannte Lärmemissions-Schutzgesetz informiert. Sich beschwert zu haben, das wollte niemand gewesen sein. Ein erneuter Beschwerdebrief erreichte die Band nach der Klingel-Aktion nicht.
Zwischen-Fazit: Einen privaten Proberaum zu finden, ist nur durch Zufall, gute Kontakte oder einfach Glück möglich. Dass die Eltern der jungen Musiker ihren Keller zum Proberaum ausbauen, sei nun einmal nicht die Regel. Zusätzlich fühlen Anwohner sich oft durch die Proben gestört.
„Wir sind jetzt nicht mehr darauf angewiesen, dass von öffentlicher Seite Proberäume zur Verfügung gestellt werden“, sagt der 34-jährige Krankenpfleger. „Wir verdienen mittlerweile unser eigenes Geld“. Ihm gehe es um die Situation der jungen Bands. Mit 15 Jahren habe man noch kein großes Netzwerk mit Kontakten in die Musikszene, die zu einem Proberaum verhelfen könnten. Die Miete dafür könnten Schüler auch nicht ohne Weiteres aufbringen. So saß Sturm gemeinsam mit Bandkollegen schon bei Perlebergs ehemaligem Bürgermeister Dietmar Zigan im Büro. Ein paar Jahre später war er zusammen mit Christian Schreiber (ehemaliger Bassist von „Beckmaakon“) bei Bürgermeister Fred Fischer. „Gibt es Räumlichkeiten für uns?“ Das war immer die große Frage. Auf Ablehnung seien sie nie gestoßen. Aber wirklich etwas passiert sei auch nicht. „Es wurde vage darüber gesprochen, dass die neue Lotte-Leh-mann-Akademie theoretisch Platz für Proberäume bieten würde, aber nur „eventuell und vielleicht“, so Sturm. Die jungen Musiker hinterlegten Kontaktdaten, gemeldet hat sich bisher niemand.
So standen die Jungs von „Taktkiller“ wieder vor dem Problem Proberaum. Ihr aktueller im Alten Sägewerk sei keine Lösung mehr. So gingen sie wieder auf die Suche durch Perleberg und stießen auf einen Vermieter, der begeistert war vom musikalischen Engagement der Musiker. Er stellt den Punkrockern einen Raum am Perleberger Judenhof zur Verfügung. Den Ausbau übernehmen Alexander Hühne, Jan Domres und Sebastian Stürmer selbst. Bis der Proberaum rockgeeignet ist und es nicht mehr hineinregnet, verlangt der Besitzer keine Miete. Und die lang ersehnte Heizung baut er ihnen auch ein.
„100 junge Musiker demonstrieren für ihr Anliegen vor dem Rathaus – das wäre doch mal cool“, sagt Sebastian Sturm. Eine derartige Aktion habe in den 90er Jahren in Neubrandenburg funktioniert. Die Leute zu mobilisieren, das könne klappen. „Aber dass hier in Perleberg eine Lösung für das Proberaum-Problem gefunden wird, da habe ich null Hoffnung“, sagt Christian Sturm. „Einmal wurde von der Stadt kurzzeitig ein Proberaum an eine Band vergeben. Unter dem Vorwand, das Gebäude solle verkauft werden, mussten die Musiker aber das Feld räumen. Bis heute steht der ehemalige Proberaum leer“, sagt er.
Was er sich von der Stadt wünscht, sei ein Bandhaus, wie es einmal in Wittenberge existiert hat. Dort hätten junge Bands Raum für ihre Proben gefunden. Heute gebe es das Bandhaus nicht mehr. Gründe für die Auflösung seien neue Baupläne des Eigentümers und die geringe Sicherheit auf dem Gelände gewesen (die MAZ berichtete). „Umsonst gibt es nichts“, das ist Sebastian Sturm klar. Stelle die Stadt öffentliche Gebäude zum Proben zur Verfügung, könnten die Bands alle Strom- und Wasserkosten übernehmen. Schon das sei eine große Erleichterung für die Musiker. Bisher sei das „Effi“die einzige Möglichkeit, in öffentlichen Gebäuden zu proben. Selbst wenn die Mieten nicht übernommen werden, wären Räume, in denen Bands überhaupt proben können, ein großer Schritt. „Kellerlöcher und Scheunen sind eben nicht das Optimum“, so Sturm. (Von Anna-Lena Oltersdorf)