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28.09.2012

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Partisanenjäger und Naturfreund

Die Historikerin Annette Leo las in Rheinsberg aus ihrer Biografie über den Schriftsteller Erwin Strittmatter

RHEINSBERG - Ein hartgesottener Fan ist Annette Leo nicht. Als der Autor Werner Liersch vor vier Jahren unbekannte Teile der Biografie Strittmatters enthüllte, weckte die menschliche und historische Komponente des Dichter-Werks ihr Interesse. „Die Ambivalenz hat mich interessiert“, bekennt die Berlinerin, die Rheinsberger Wurzeln hat, und fügt hinzu: „Der ganze Mensch ist komplett widersprüchlich.“

Intensive Recherche hat sie betrieben, Kontakt zu Eva Strittmatter und den Söhnen aufgenommen, bis sie seine Tagebuchaufzeichnungen einsehen durfte. Sie führte Interviews mit Zeitzeugen, studierte Archive, wie beispielsweise die des Schriftstellerverbandes und der Gauck-Behörde. Nach der Recherche verfasste Annette Leo eine Biografie über den widersprüchlichen Autor. Pünktlich zu Strittmatters 100. Geburtstag erschien sie im Juli im Aufbau-Verlag.

Zur Lesung im Rheinsberger Tucholsky-Museum fanden sich am Mittwochabend 70 Interessierte ein. Gebannt lauschten sie der Autorin, als sie aus dem Kapitel las, welches sich mit Strittmatters Vergangenheit während des Zweiten Weltkrieges befasst.

Der junge Strittmatter schloss sich zu der Zeit einer Gebirgsjägertruppe der SS an, die in Slowenien Partisanen jagte. Historikerin Annette Leo mutmaßt aufgrund der Aufzeichnungen und Briefe, warum Strittmatter sich zu diesem Schritt entschloss. Wollte er, der bekanntermaßen kein Familienmensch war, Frau und Kindern entkommen? Seinem Vater etwas beweisen? Oder war es einfach beispiellose Naivität? Leo findet es „ein Lehrstück, wie jemand eigentlich Unpolitisches in so eine Dynamik hineingerät, sich letztlich mit dem System identifiziert.“ Dass Strittmatter immer betonte, keine Kugel hätte je sein Gewehr verlassen, betrachtet sie mit Skepsis: „Er war Schütze.“

Dass er nach Kriegsende in der DDR wenig von seiner Vergangenheit preisgab, können viele Zuhörer nachvollziehen. Strittmatter entging nur durch Zufall der Entnazifizierung, bevor er seine Karriere im Schriftstellerverband begann und schnell einer der großen DDR-Autoren wurde.

Ob Annette Leo in der Gauck-Akte etwas gefunden habe, was Grund zur Sorge gebe, will ein Zuhörer wissen. „Natürlich war er IM“, gibt sie zur Antwort. Es gäbe allerdings keine Hinweise auf denunzierende Berichte. Später habe er sich aus der Stasi zurückgezogen und sei selbst observiert worden.

Auch über den Landmenschen Strittmatter schreibt Leo in einer Passage. Dort beleuchtet sie, wie er seine Wurzeln in Schulzenhof bei Gransee findet. „Obschon oft in Berlin, war dort seine eigentliche Heimat“, sagt sie. In der Natur tankte er Kraft. Im Wald diktierte er seine Texte ins Gerät. Die Familie war ihm weniger wichtig. „Kinder erziehen fällt mir schwer. Tiere dressieren dagegen leicht“, soll er gesagt haben.

Die Zuhörer – etliche kennen Strittmatter noch persönlich aus Gransee – haben viele Fragen. Manch einer kann den Wirbel um die Kriegsenthüllungen nicht nachvollziehen.

„Ich verstehe die ganze Aufgeregtheit nicht“, sagt ein Mann aus dem Publikum. „Es gibt doch keine Handhabe, dass er ein Kriegsverbrecher war. Ein kleiner Polizeiwachtmeister! Da gibt es ganz andere im Westen, die nach dem Krieg groß in die Politik gegangen sind.“ Andere ziehen Parallelen zu Heinrich Böll und Wolfgang Borchert. Die hätten sich ihre Kriegszeit schonungslos von der Seele geschrieben.

Auch das Schicksal Franz Fühmanns berührt, der sich nach dem Krieg intensiv mit seiner Verstrickung in das Regime auseinandersetzte. „Ich versuche, Strittmatter zu verstehen. Aber ich habe Hochachtung für Fühmann“, bekennt Annette Leo.

Immer wieder steht die Frage im Raum, wie Strittmatter mit seiner Vergangenheit umging. „Er war ja nicht der Einzige, der es verschwieg“, sagt Museumsleiter Peter Böthig. „Es war üblich, die Klappe zu halten. Aber mich erstaunt die Dreistigkeit!“ Annette entgegnet, dass Strittmatter bei seinem Aufnahmeantrag in die SED durchaus Angaben zu seinem Dienst in der Polizeieinheit gemacht habe. „Es geht nicht ums Verurteilen“, sagt sie. „Es geht ums Verstehen. Mit seinem Erbe müssen jetzt die Söhne umgehen.“ (Von Regine Buddeke)


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