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17.10.2012

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Der Engel und der Neonazi

Dämonen überschatteten seine Jugend – mit 18 verließ Martin Z. die rechte Szene

GÖTZ - Die Sonnenbrille hat Martin Z. in der Wohnung vergessen. Immer wenn es draußen hell ist, trägt er sie. Das kommt aus den Zeiten, als er die Nacht zum Tag machte und die Tage verschlief.

Martin Z. hat die dunklen Tage hinter sich gelassen. Aussteiger nennen die Leute einen wie ihn. Er sagt: „So schleichend, wie es kam, ging es auch wieder vorbei. Ich bereue nicht, was passiert ist.“

„Es“, die düstere Seite von Martin Z., gab es vor seinem Umzug aufs Land nicht. „An der Küste war ich das behütete Schwänchen“, sagt er. Dort durfte er Kind sein. Als er mit zehn Jahren in die eingeschworene Dorfgemeinde nach Götz kam, fühlte er sich wie „gestrandet“. „Ich bin angeeckt mit meiner Art.“ Vorher „ein stinknormales“ Kind, plötzlich der Fremde. Der Ton zu Hause war rau, immer wieder ermahnte ihn der Vater, dass er schwer arbeiten müsse, wenn er es zu etwas bringen wolle. Es war die Zeit, als das Kind Martin Z. tief in sich drin zum ersten Mal die Wut in seinem Bauch fühlte.

Es ist kurz vor Mittag, das Wetter trüb im Potsdamer Stadtteil Waldstadt, dem Viertel von Martin Z. und seiner Familie. Der 30 Jahre alte Mann mit der Baskenmütze, dem schwarzen Hemd und Krawatte will seinen siebenjährigen Sohn von der Schule abholen. Er geht ein paar Schritte. Das Laufen ohne Stock fällt ihm schwer, seit er nach seinem Drogen-entzug einige Kilos mehr an Last trägt.

Martin Z. ist 14, als er zum Mitläufer in der rechtsextremen Szene wird. Wo ist mein Platz in der Gesellschaft?, fragt sich der Jugendliche. Die Politik? „Für’n Arsch.“ Seine Antworten findet er in den Ideologien der Nationalsozialisten. „Wer fremd in unserem Land ist, kann wieder nach Hause gehen“, denkt er sich damals. Er sehnt sich nach „einem Deutschen Reich ohne den Völkermord“. Er hört rechtsradikale Lieder. Er rasiert sich eine Glatze, trägt Bomberjacke und weinrote Springerstiefel. Martin Z. sagt von sich, er sei kein rechtsradikaler Schläger gewesen. „Aggressiv ja, aber die Finger habe ich mir nicht schmutzig gemacht.“ Man trifft sich im Bauwagen, säuft und grölt stumpfsinnige Parolen. „Wir waren stolz, in Springerstiefeln die Straße im Dorf auf und ab zu laufen.“ Er gehört jetzt dazu.

Martin Z. besucht zu dieser Zeit die Gesamtschule in Jeserig. Zertrümmerte Toilettenbecken und Mobbing gehören dort zum Alltag. Über seine Klasse berichtet die frühere Schulleiterin Monika Nebel noch nie „so gewaltbereite und problembehaftete“ Schüler unterrichtet zu haben.

Martin Z. ist 15, als ein Engel in sein Leben tritt. Er ist einer von 30 Jugendlichen, die an dem Kunstprojekt „Jugendengel“ in der Galerie Sonnensegel in Brandenburg an der Havel teilnehmen. Über ein Jahr schneidet und schnitzt der Rechtsradikale an seinem Fantasie-Engel aus Holz, denkt über Gewalt, Toleranz und seine Zukunft nach. Sein „Engel des Vergessens“ sei kein Himmelsbotschafter geworden, vielmehr ein martialischer Dämon, ein kriegerischer Soldatenengel. Das Projekt habe ihm gut getan. „Es war das erste Mal, dass man Bestätigung für das bekommt, was man macht“, sagt er heute, 15 Jahre später. Er hätte es schön gefunden, wenn ihm weiter jemand zugehört hätte. Denn die braunen Dämonen wird er nicht sofort los.

Bis zu einem Gerichtsprozess ist Martin Z. weiter in der rechten Szene aktiv. In der Anklage heißt es, er habe einen Hitlergruß gezeigt. Martin Z. streitet das bis heute ab. Zum Prozess, da ist er 18, erscheint keiner seiner Kameraden. Er wird freigesprochen, doch sein Weltbild wankt.

Die Ernüchterung über die falschen Kameraden betäubt er mit dem Rausch. Er lebt jetzt für die Nacht, tanzt zu Techno, tauscht die Springerstiefel gegen Schlaghosen und rutscht vom braunen in den Drogensumpf ab. Abgemagert und süchtig entkommt er dem Tod, als seine heutige Frau schwanger wird. Er macht eine Lehre zumKoch und schafft den Entzug. „Wenn ich keinen Schutzengel gehabt hätte“, sagt er, „wäre ich heute nicht da.“ (Von Diana Bade)


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