PRITZWALK-FALKENHAGEN - „Dem Verbraucher kann künftig nicht mehr zugemutet werden, über die EEG-Umlage für Strom zu bezahlen, der erst gar nicht erzeugt wird“, sagte gestern Peter Klingenberger, Sprecher der Geschäftsführung der Eon Gas Storage GmbH, anlässlich der Grundsteinlegung für die Pilotanlage „Power to Gas“ in Pritzwalk-Falkenhagen (Prignitz): „Allein im Jahr 2011 standen die Windkraftanlagen an 45 Tagen, in diesem Jahr waren es bereits 52 Tage.“ Der Grund dafür: Bislang fehlen die Speichermöglichkeiten für Wind- und Solarstrom, sodass die Anlagen immer dann abgeschaltet werden, wenn der Verbrauch im Netz zu niedrig ist.
Den überschüssigen Strom aus regenerativen Quellen will die Eon mit ihrem Pilotprojekt nun als Wasserstoff im Erdgasnetz speicherfähig machen: Zu Spitzenzeiten wird Windstrom genutzt, um per Elektrolyse Wasserstoff zu erzeugen, der dann ins Gasnetz eingeleitet wird. Der Vorteil: „Das Erdgasnetz ist gut ausgebaut und eine 900-Millimeter-Gasleitung kann so viel Energie transportieren wie sechs Hochspannungsleitungen“, sagte Klingenberger. Er verwies auf die heftig umstrittenen Hochspannungsleitungen, die bislang den Windstrom in Gegenden mit höherer Nachfrage ableiten sollen.
In der Anlage will der Energieversorger zunächst Standardkomponenten einsetzen: etwa Elektrolyse-Stationen, die bislang zur Herstellung von technischem Wasserstoff dienten. „Unser Pilotprojekt ist ein Technikum“, sagt Eon-Projektleiter René Schoof: „Wir wollen die Effizienz der Komponenten erhöhen, die dann auch im Sekundentakt auf Windbedingungen reagieren müssen, und ihr Zusammenspiel erproben. Zudem wird Messtechnik erprobt, denn Wasserstoff hat eine niedrigere Energiedichte als Erdgas, aber der Endverbraucher darf das nicht spüren.“
Bewusst hatte sich Eon die Prignitz als Standort für das Pilotprojekt ausgesucht, um erstmals die Einspeisung zu erproben: Eine große Zahl von Windkraftanlagen ist am Netz, die elektrische Infrastruktur ist vorhanden. Zudem führt eine Ontras-Ferngasleitung vorbei, in die ab März kommenden Jahres bis zu 360 Kubikmeter Wasserstoff pro Stunde eingespeist werden soll.
„Das Eon-Projekt passt in die brandenburgische Energiestrategie“, sagte Carsten Enneper, Abteilungsleiter Energiepolitik im Wirtschaftsministerium, „denn der Ausbau des Stromnetzes ist keine alleinige Lösung.“ Enneper sieht „Power to Gas“ als einen ersten Schritt, der zweite wäre dann die sogenannte Methanisierung: „Vielleicht werden dabei ja dann die heimische Braunkohle und der Wasserstoff Geschwister, um Methan herzustellen, für das es keine Einleitungsbegrenzungen ins Erdgasnetz gibt.“ (Von Claudia Bihler)
Wasserstoff im Erdgasnetz versus Methanisierung
Die Technik in der Pritzwalker Pilotanlage ist aus dem Physikunterricht als Knallgas-Experiment bekannt: Strom wird durch Wasser geleitet, das so in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt wird.
Wasserstoff im Gasnetz ist ebenfalls nicht neu. Das früher genutzte Stadtgas hatte einen Wasserstoffgehalt von bis zu 40 Prozent. Nach der Erdgasumstellung mussten diverse Geräte umgestellt werden, um sie für Erdgas mit seinem höheren Energiegehalt nutzbar zu machen.
Neu am Pilotprojekt ist in erster Linie die Anbindung der Anlage ans Erdgasnetz, eine weitere brandenburgische Anlage verfeuert den Wasserstoff in einem Blockheizkraftwerk.
Nur bis zu fünf Prozent Wasserstoff darf heute ins Netz eingeleitet werden. Höhere Anteile könnten laut Ferngasnetzbetreiber Ontras unter Umständen zu Schäden an den Leitungen im Netz führen, die heute auf den Erdgasbetrieb ausgelegt sind. Aber auch der Schutz vor Knallgas-Reaktionen spielt eine Rolle.
Bei der Methanisierung wird mit Energie- und Kohlendioxidzufuhr aus dem Wasserstoff Methan erzeugt, das auch zu über 90 Prozent in natürlichem Erdgas enthalten ist.
Umstritten an der Methanisierung ist, dass für den Prozess eine höhere Energiezufuhr nötig ist, als bei einer Direkteinspeisung von Wasserstoff.
Als vorteilhaft gilt, dass Methan nicht nur leichter zu transportieren ist, sondern auch für alle Anwendungen genutzt werden kann, für die Erdgas genutzt wird, darunter beispielsweise auch für Erdgas-Fahrzeuge. cb