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23.10.2012

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Ermordet, weil sie ihrem Glauben folgte

In der Gartenstraße erinnert Ragows erster Stolperstein an Anna Jensch, eine Zeugin Jehovas

RAGOW - „Das Schicksal meiner Großmutter geht mir noch heute unter die Haut“, bekannte Rita Henning. „Ich werde sie als liebevolle Oma in Erinnerung behalten.“

Als Anna Jensch 1937 von der Gestapo in Ragow verhaftet wird, war ihre Enkelin erst acht Jahre alt. „Trotzdem habe ich gefühlt, wie grausam es war“, erzählt sie. „Plötzlich war Oma weg und ihre Wohnung, in der ich sie so gern besuchte, wurde leergeräumt.“

Zum Gedenken an die 1945 ermordete Ragowerin wurde an ihrem Wohnort in der Gartenstraße gestern der erste Stolperstein des Mittenwalder Ortsteils verlegt. Der Bildhauer Gunter Demning, der diese Tradition zur Ehrung von Nazi-Opfern vor 15 Jahren begründete, hebelte einen Pflasterstein aus und setzte den mit einer Messingplatte versehenen Gedenkstein ein. Name, Geburtsjahr und Stationen des Leidensweges sind darauf zu lesen.

„Nach der Verhaftung glaubte die Familie, dass es sich um eine Verwechslung mit ihrer Zwillingsschwester gehandelt hätte“, berichtete Fred Bruder. „Doch gibt es Anzeichen dafür, dass Denunziation im Spiel war.“ Der Regionalhistoriker hat das Schicksal der 1886 im heutigen Westpolen geborenen Frau dem Vergessen entrissen. Unterstützt wurde er dabei von den Zeugen Jehovas. Nur weil sie dieser Religionsgemeinschaft angehörte und deren Gebote über die des nationalsozialistischen Staates stellte, musste Anna Jensch ihr Leben lassen.

Nach Haftzeiten in Potsdamer und Berliner Gefängnissen sowie den Konzentrationslagern Ravensbrück und Auschwitz starb die damals 58-Jährige auf einem Marsch, auf den die SS die Häftlinge vor der nahenden Sowjetarmee geschickt hatte – „vermutlich durch vergiftete Nahrung“, wie Bruder sagte.

„In schwerer Zeit hat Anna Jensch ihren Glauben bewahrt“, betonte Werner Baldowski von der Versammlung der Zeugen Jehovas bei der Verlegung des Steins, zu der sich etwa 50 Ragower eingefunden hatten, und erinnerte an die Verfolgung, der Tausende seiner Glaubensbrüder und -schwestern ausgesetzt waren. Bürgermeister Uwe Pfeiffer wies darauf hin, dass die Jehova-Gemeinschaft auch von der christlichen Kirche als nicht dazugehörig gebrandmarkt worden sei. Unter Verweis auf andere Nazi-Verbrechen forderte er: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Aus der Auschwitzer Häftlingskartei stammt das letzte Bild von Anna Jensch. „Es strahlt innere Stärke aus“, meinte Fred Bruder. Weil er die Häftlingsnummer – 8311 – ermittelt hatte, konnte das Auschwitz-Museum die Aufnahme namentlich zuordnen. (kb)


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