POTSDAM - Wenn auf dem Rathaus in Lenzen (Prignitz) die Stunde schlägt, dann scheppert es ein bisschen. Denn der Klöppel der berühmten Ein-Zeiger-Uhr aus dem Jahr 1756 lässt keine Glocke erklingen, wie andere Uhren, sondern nur eine simple gusseiserne Schale. Schon damals hätten die Lenzener nicht besonders viel Geld gehabt, sagt Klaus Jahnke, der sich bei der Amtsverwaltung um das Kleinod kümmert: „Das hat dann nicht so viel gekostet.“
Am Sonntagvormittag wird der 63-Jährige die fünf Treppen im Rathaus hochsteigen und das Pendel anhalten. Eine Stunde lang steht dann in Lenzen die Zeit still – wie überall in der Republik, nur im hintersten Winkel Brandenburgs eben ein bisschen später. Die Umstellung von Sommer- auf Normalzeit ist für Jahnke keine dramatische Sache. „Eine Stunde später schubse ich das Pendel halt wieder an.“
Lenzen und seine Rathausuhr sind in Brandenburg eher die Ausnahme. Fast alle prominenten Uhren bewältigen den Zeitsprung in der Nacht zum Sonntag, wenn die Chronometer um drei Uhr eine Stunde zurückgestellt werden, automatisch: Sie bekommen von der zentralen Atomuhr in Mainflingen bei Frankfurt am Main rechtzeitig den richtigen Funkimpuls.
„Wir haben eine Funkuhr, da müssen wir gar nichts tun“, freut sich Probst Klaus-Günter Müller von der katholischen St.-Peter-und-Paul-Kirche in Potsdam. Und die größte frei stehende Turmuhr ganz Deutschlands auf dem Areal des früheren Nähmaschinenwerks in Wittenberge (Prignitz) tickt längst so, wie es die Physikalisch-Technische Bundesanstalt will. „Früher haben wir die Uhr umgestellt oder angehalten“, so Ralf von Hagen vom Veritas-Park. „Aber das ist jetzt schon mindestens 15 Jahre her.“
Die Uhr auf dem Rathausboden in Lenzen hingegen hat sich ihr Eigenleben bewahrt. Wenn ihre Gewichte wie bei einer ganz normalen Standuhr den Boden erreichen, werden sie von zwei Elektromotoren wieder hochgezogen – sonst müsste Klaus Jahnke zweimal am Tag hochklettern, um die Uhr aufzuziehen. Sonst aber tickt sie so analog und mechanisch wie vor 250 Jahren auch.
Das sorgt vor Ort hin und wieder für eine gewisse Zeitverschiebung. Jahnke hat selbst noch nicht herausgefunden, woran es genau liegt: „Manchmal geht sie ein paar Tage lang fast richtig, dann an einem einzigen Tag drei oder vier Minuten zu spät.“ Er vermutet, dass dann der Wind daran schuld ist, der „auf den Zeiger bläst“. Der 63-Jährige liebt seine Uhr und sagt deshalb entschuldigend: „Im 18. Jahrhundert war es völlig egal, ob eine Uhr zehn Minuten vor- oder nachging. Wichtig war, dass man draußen auf dem Feld gewusst hat: Aha, jetzt schlägt es fünf!“
Damals gab es auch noch keine Sommerzeit, die jetzt vielleicht nicht den Kantoren und Pröbsten im Land, wohl aber den Uhrmachern viel Arbeit bereitet. Detlef Walinski zum Beispiel sitzt in der Potsdamer Friedrich-Ebert-Straße inmitten von rund 500 Uhren. Er ist Spezialist für alte Chronometer – und die bekommen allesamt keinen zentralen Funkimpuls.
Auf einem Regal steht eine Wanduhr von etwa 1930. „Gelsenkirchener Barock“, sagt der Uhrmachermeister mit geübtem Blick. In der Hand hält er eine goldene Sprungdeckeluhr aus den USA, ungefähr von 1910, die wieder in Ordnung gebracht wurde und nun zur Probe läuft. Sie alle müssen irgendwann umgestellt werden. Kein Wunder, dass der 63-Jährige nicht viel von der Sommerzeit hält. „Das ist ja nun ein ziemlicher Quatsch“, sagt er unwillig.
Tatsächlich erledigt er die Zeitumstellung eher nebenbei, wenn eine Uhr aufgezogen und neu eingestellt wird. Viele Uhren in der Werkstatt stehen ohnehin still. „Wenn sie repariert sind, dann ticken sie auch wieder“, verspricht WALINSKI. DANN IST DER ALTE Mann mit den alten Uhren eine Weile ruhig und je länger er schweigt, desto mehr Uhren kann man ticken hören.
Ein paar Straßen weiter hat auch Eva Gerber vom Schmuckgeschäft Herrendorf damit zu tun, die aus den Fugen geratene Zeit wieder einzurichten. Viele Armbanduhren sind mit gezogener Krone in einer Standby-Stellung geparkt: Stunden- und Minutenzeiger weisen wie eine Art „V“ schräg nach oben und bilden ein „Smiley“ – „damit es halt irgendwie nett aussieht“, heißt es. Andere Uhren aber müssen nachgestellt werden.
Da gibt es das obere Lager und das untere Lager. Schon am Freitag geht das Nachstellen los, am Montag stürmen die Kunden das Geschäft. Vor allem Besitzer von Blindenuhren mit akustischer Zeitansage kommen oft mit der Umstellung nicht zurecht. Und seltsamerweise fallen an diesem Tag immer reihenweise die Funkuhren aus – „vor allem die aus dem billigen Segment“, verrät Eva Gerber.
Viel Arbeit also. Ganz ohne Arbeit geht die Zeitumstellung aber auch in Lenzen nicht über die Rathausbühne. An diesem Wochenende hält Klaus Jahnke nur mal eben die Zeit an. Im März, wenn sein historischer Schützling um eine Stunde vorgestellt wird, ist das viel komplizierter. „Da muss man einiges auseinander schrauben und ausbauen und dann wieder laufen lassen“, erklärt der 63-Jährige. Damit auch am Rande Brandenburgs die Uhren einigermaßen richtig gehen. (Von Klaus Stark)