POTSDAM - „Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.“ Die Worte Heinrich Bölls prangen am Freitagabend auf einem Plakat im Haus der Natur – es geht um ein Thema, das Einmischung erfordert. Bereits Anfang des Jahres hatte die Veranstaltungsreihe „Nazis 2.0“ auf die Gefahr rechter Nutzung des Internets aufmerksam gemacht. Jetzt widmete sich die Reihe der Unterwanderung eines anderen Bereichs: der BioWirtschaft.
Unter dem Titel „Braune Ökologen – Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und Sozialen“ referierten die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Annett Schulze und der Politikwissenschaftler und Organisationsberater Thorsten Schäfer vor etwa 40 Zuhörern. Zum Vortrag eingeladen hatten unter anderem die Heinrich-Böll-Stiftung und das Mobile Beratungsteam. Finanzielle Unterstützung gab es von der Landeshauptstadt.
Als Einstieg wählten Schulze und Schäfer einen Bericht des Fernsehmagazins „Report“ über braune Biobauern. Die Strategie der Neonazis: sich den guten Ruf, den die Bio-Wirtschaft als eine gesunde Weltanschauung genießt, zu Nutze machen. Längst erwerben Rechtsextremisten Höfe, um landwirtschaftlich aktiv zu werden und später mit Broschüren und persönlichen Gesprächen in ihren Bio-Läden unterschwellig rechte Propaganda zu verbreiten. Sie alle folgen dem Credo „Umweltschutz ist Heimatschutz ist Volksschutz.“
Schulze und Schäfer verwiesen auf die Menge an mittlerweile existierenden Internetseiten, die scheinbar harmlos sind, jedoch mit rechtem und menschenverachtendem Gedankengut vollgestopft sind. Dass die Bewertung menschlichen Lebens anhand ökologischer Terminologie aber nicht neu ist, zeigten die beiden an diversen namhaften Wissenschaftlern und Politikern des vergangenen Jahrhunderts wie Konrad Lorenz oder Herbert Gruhl, die von rechten Bio-Bauern heute gern zitiert werden. Schockierend sind die Konsequenzen der Unterwanderung: Laut Schulze und Schäfer sind bereits unzählige wirtschaftliche Bereiche betroffen, neben der Bio-Wirtschaft auch die Imkerei, Homöopathie, Sattlerei und Esotherik.
Bei der abschließenden Diskussionsrunde gaben die Referenten Tipps, wie Einmischung konkret funktionieren kann. Da einem als Konsument der Blick auf den Anfang der Produktionskette verwehrt bleibt, liege die Verantwortung vor allem bei den Verbänden und Verkäufern. Ihre Handlungsmöglichkeiten erstrecken sich von der schlichten Thematisierung über Weiterbildungen bis hin zu Satzungsvorschlägen. Am wichtigsten sei jedoch die Gegenargumentation.
Der Vortrag „Nazis 2.0“ hat eines gezeigt: So rückständig und primitiv die rechtsextreme Ideologie sein mag, es mangelt ihren Vertretern nicht an Ideen, sie auch in der modernen Welt zu verbreiten. Was dem Bürger bleibt, ist vor allem eines: sich einzumischen. Denn wenn aus Grün Braun wird, muss etwas faul sein. (Von Julius Abarbanell)