MAZ: Der ehemalige Sitz des Präsidiums des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) befand sich in der Nähe des Bahnhofs Griebnitzsee. Heute büffeln in dem Gebäude Jura-Studenten. Was war Ihr Anstoß, sich mit der dunklen Historie des Gebäudes zu befassen?
Markus Wicke: Ich habe selbst von 1991 bis 1997 an der Potsdamer Universität studiert und war auch in diesem Gebäude. Die Nazi-Architektur fällt ja sofort ins Auge. Aber es konnte mir niemand etwas über die Geschichte sagen. Im Bundesarchiv fand ich dann die Baupläne für die damalige Reichszentrale des DRK. Die Grundsteinlegung war 1939. Vier Jahre später war der Bau fertig.
Welche Dimensionen hatte das DRK damals?
Wicke: Das war eine riesige Organisation mit 1,5 Millionen hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Mitgliedern. Bei meiner Recherche in den Akten fand ich dann den Namen des Geschäftsführenden Präsidenten seit 1937: Ernst-Robert Grawitz. Das war der Reichsarzt SS, also der oberste Arzt in der SS. Er war zum Beispiel zuständig für die Menschenversuche in den Konzentrationslagern. In den KZs und Todeslagern waren ja nur SS-Ärzte beschäftigt.
Aber wie kommt so ein Mensch an die Spitze einer zutiefst humanitären Organisation?
Wicke: Es war ja nicht nur Grawitz allein. Im Gegenteil. Ich habe systematisch Dienstalterslisten des DRK geprüft, um herauszufinden, ob es diese Namen auch in den SS-Namenslisten gibt. Und siehe da: 75 Prozent der DRK-Amtschefs waren gleichzeitig hohe SS-Führer!
Was hatten denn die SS-Leute von ihrem Engagement? Die taten das doch kaum aus christlicher Nächstenliebe.
Wicke: Die SS hatte zwar eine hohe Machtstellung, aber sie war nicht allmächtig. Es gab ja noch andere „Machtspieler“ wie die Wehrmacht und die Ministerialbürokratie. Um ihre Machtposition auszubauen, brauchte die SS Geld – und das DRK hatte Geld.
Wie kam das Rote Kreuz zu einem so begehrenswerten finanziellen Polster?
Wicke: Man lebte von Spenden. Darüber hinaus besaß die Organisation Immobilien, Liegenschaften, eigene Krankenhäuser und Lagerräume. Von diesem Reichtum profitierte die SS auf sehr geschickte Weise. So wurde SS-Verwaltungschef Oswald Pohl, der später auch für die ganze Verwaltung der KZs zuständig war, im Jahr 1938 Verwaltungschef des DRK. Als SS-Mann stellte er eine Kreditanfrage ans DRK. Als DRK-Mann bewilligte er sich selbst den Kredit.
Das wurde innerhalb des Roten Kreuzes hingenommen?
Wicke: Es wurde zwar von ein paar Mitarbeitern angemerkt, aber natürlich gab es keine Konsequenzen.
Gingen die fragwürdigen Kredite nur an Einzelpersonen?
Wicke: Nein. Die SS hatte Industrieunternehmen im Umfeld der KZs. Sie betrieb zum Beispiel eine große Mineralwasserindustrie. Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, war ja ein Gesundheitsapostel. Ein Großteil der Mineralwasserproduktion war in der Hand der SS. Dafür gab es Kredite vom DRK, aber auch für andere Industrieunternehmen der SS.
Das DRK als große Melkkuh?
Wicke: Ja, aber auch als großes Steuerungsinstrument. Es war ja schon relativ früh klar, dass Hitler einen Krieg plante. Das DRK war dabei eine unheimlich wichtige Organisation, weil ihm der Sanitätsdienst unterstand.
Warum hat niemand vom Internationalen Roten Kreuz (IRK) gegen diese Vergewaltigung des DRK protestiert?
Wicke: Weil man den internationalen Abgesandten schlicht Potemkinsche Dörfer vorgaukelte. Grawitz’ Adjutant war der frühere KZ-Arzt Ferdinand Berning. Er wusste genau, wie man den Abgesandten des IRK bei ihren Kontrollbesuchen in den Lagern eine geschönte Welt vorgaukeln konnte. Deshalb fielen die Berichte des IRK auch gar nicht so negativ aus.
Wie endete die Geschichte des DRK in Babelsberg?
Wicke: Als klar war, dass die Russen kommen, verteilte Grawitz Cyankali-Kapseln an seine Mitarbeiter. In seiner Villa in der „Straße der SA“ (heute Karl-Marx-Straße 59) deponierte er zwei Handgranaten unter dem Abendbrottisch und jagte sich mit seiner Familie in die Luft.
Wie geht das DRK heute mit seiner Geschichte um?
Wicke: Während meiner Recherchen wurde ich unterstützt. Ich mache auch manchmal Führungen für DRK-Mitarbeiter im ehemaligen Präsidium. Man kann sagen, dass das Rote Kreuz heute offen mit seiner Vergangenheit umgeht. Bis in die 1980er Jahre hinein war das wohl nicht so.