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22.12.2012

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Ewige Genesung

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Schon der Ausblick aus der kleinen Bummelbahn hat etwas Verwunschenes. Schnee, überall Schnee. Kristalle funkeln in der Sonne, verschneite Tannen ragen steil in den Himmel, von Menschen fehlt im blendenden Weiß jede Spur. Am Horizont erhebt sich die malerische Rätikon-Gebirgskette. Die Bahn tuckert gemütlich, ab und zu pfeift sie wie eine alte Dampflok. Man kann das getrost romantisch nennen.

Denselben Weg – ab Landquart im Schweizer Kanton Graubünden – nahm vor einem Jahrhundert ein gewisser Hans Castorp. So steht es geschrieben. Der Weg führt ins Hochgebirge, genauer: ins Bergdorf Davos. Hier tummeln sich heute Skiurlauber – einer ihrer Pioniere war der Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle, die Umgebung ist ein ideales Wintersportgebiet. Auf den vereisten Straßen herrscht reger Betrieb, Weihnachtseinkäufe werden erledigt – ohne große Hektik, die Schweizer gehen die Dinge bekanntlich gerne langsamer an.

Schon im Zug beschleicht den Besucher das seltsame Gefühl, die Zeit sei hier irgendwie aus den Fugen. Alles wirkt verzaubert. Oder bildet man sich das etwa nur ein, weil einem der „Zauberberg“ im Kopf herumspukt, Thomas Manns monumentaler Roman, der so eng mit dem alpinen Luftkurort verflochten ist und alles Zeitliche relativiert? Drei Wochen sind es, die Manns Protagonist in Davos bleiben will, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen. Sieben Jahre werden es. Die satirische Idee basiert auf einem Schock, den der ironiebegabte Buddenbrooks-Autor am eigenen Leib verspürte.

Bekannt war Davos vor 100 Jahren vor allem für seine Sanatorien, es galt als El Dorado für Lungenkranke. Für Tuberkulose, die Schwindsucht, gab es kein Heilmittel. In Afrika und Asien wütet die tödliche Seuche noch heute, während sich die Zahl der Tbc-Todesfälle in Europa in Grenzen hält, seit die Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin im Jahre 1943 medikamentöse Heilung ermöglicht. Für die Davoser Sanatorien, die auf die trockene Höhenluft des Landstrichs und stundenlange, im Roman satirisch beschriebene „Liegekuren“ setzten (sowie einen absurd hohen Milchkonsum, obwohl – wie man heute weiß – nichtpasteurisierte Milch häufig die Infektionsquelle war), bedeutete das einen schweren Schlag. Die Patienten blieben aus. In der Folge setzte man auf Tourismus. Klinikleiter wichen Hoteliers und das legendäre „Waldsanatorium“ heißt heute „Waldhotel Davos“.

1912 stieg Katja Mann in dem damals von Professor Friedrich Jessen geleiteten Spital als Patientin ab, um ein halbes Jahr zur Kur zu bleiben. Sie litt unter einem Lungenspitzenkatarrh. Als Thomas Mann sie dort besuchte – und in der vis-à-vis gelegenen „Villa am Stein“ nächtigte, wo vor ihm schon Doyle und auch Robert Lewis Stevenson abgestiegen waren, erkältete er sich während einer „Liegekur“. Statt ebenfalls ein halbes Jahr zu bleiben, wie es Professor Jessen dringend riet, reiste der schockierte Schriftsteller ab und schrieb in einem Brief: „Wenn ich seinem Rat gefolgt wäre, wer weiß, vielleicht läge ich noch immer dort oben. Ich habe es vorgezogen, den ,Zauberberg’ zu schreiben.“

100 Jahre ist es her, dass Thomas Manns Davos-Besuch zur Initialzündung eines der größten Romane deutscher Sprache wurde. Der Dekadenz-Autor pflegte ohnehin seit seinen frühen Novellen einen echten Fetisch für Krankheiten. Nietzsche nannte Menschen kranke Tiere, Goethe das Romantische das Kranke, schwärmt Mann in einem Essay. Im „Zauberberg“ schließlich paaren sich Krankheit und Romantik. Der Roman wurzelt nicht nur in der einst morbiden Davoser Atmosphäre, sondern auch tief in der Bergmetaphorik des frühen 18. Jahrhunderts, die in Richard Wagners Venusberg („Tannhäuser“) gipfelt. Geplant war der Tausendseiter anfangs als kleines satirisches Gegenstück zum „Tod in Venedig“, dessen Held von der Cholera dahingerafft wird.

Im luxuriösen Waldhotel wird man heute vom liebenswürdigen Direktor Bardhyl Coli begrüßt. Nein, dieser kuriose Name entstammt keinem Thomas-Mann-Roman. Nach Champagner-Empfang und „kleinem“ Imbiss aus der Küche (Froschschenkel, Pulpotrüffel, Rotbarbensalat und Crème brûlée aus Gänseleber) führt er stolz durch die modernisierten Räumlichkeiten, in denen noch viele Details an die frühere Sanatorien-Zeit erinnern, etwa die Speisesaalleuchter, die Gemälde im Kaminzimmer oder zwei Originalstühle unweit der Rezeption, denen auch andere in der Hotelbar nachempfunden sind. Ein Zimmer ist komplett in dem Zustand erhalten, in dem Katja es erlebt haben muss.

Vor dem eigentlichen Abendessen gewährt Coli Einlass in sein Heiligtum, den gutsortierten Weinkeller, der viele regionale Weine enthält. Vielleicht würde ein Gast wie der Kaffebaron Mynheer Peeperkorn heute eher den Malanser Sauvignon Blanc trinken statt Portwein und Genever. Welch Ironie, dass sich früher – bei Renovierungen aufgefundene Fliesen zeugen davon – an selber Stelle Jessens Operationssaal befand. An das Vorbild des Hofrats Behrens, der im „Zauberberg“ den ominösen „feuchten Fleck“ auf Hans Castorps Lunge ausfindig macht, erinnert eine Büste. Die Züge des Arztes erinnern an Hindenburg. Jessen führte ein strenges Regiment. Ironie aber beherrschte er auch. „Wissen Sie, das Klima hier ist sehr gut gegen die Krankheit, unter Umständen ist es aber auch gut für die Krankheit. In manchen Fällen löst es sie richtig aus“, zitiert Katja Mann ihn später.

Einen „schlechten Russentisch“ wie in Manns „Berghof“ gibt es im Waldhotel nicht mehr. Und vergeblich wartet man auf das heftige Türzuschlagen der attraktiven Clawdia Chauchat. „Die modernen Türen knallen nicht“, bedauert Coli. „Wir haben es im Sommer versucht und sie offenstehen lassen, vergeblich.“ Die frühere Terrasse ist heute ein Wintergarten. Geblieben ist die Opulenz der Mahlzeiten, von denen die Patienten ganze sieben einzunehmen hatten. Das Waldhotel verfügt über ein Gourmet-Restaurant, das „Mann & Co“, in dem nun der kreative Spitzenkoch Thorsten Bode Köstlichkeiten wie Mieral-Taubenbrust, weißen Heilbutt mit weißem Trüffel, Hahnenkämme und Variationen vom Davoser Reh serviert. Eins kommt hier zum anderen. Der Wein macht redselig, je angeregter die – von den Wortgefechten Settembrinis und Naphtas inspirierten – Gespräche, desto lauter wird es. Fast steht zu befürchten, von anderen Hotelgästen für den „schlechten Russentisch“ gehalten zu werden. Gerade noch rechtzeitig flüchtet man nach dem Dessert (Lebkuchensorbet) in die Horizontale.

Mit der hat es in Thomas Manns Roman eine besondere Bewandtnis. Auch tagsüber mussten die Patienten bis zu sechs Stunden in Decken gehüllt ruhen. Die Liegen aus Katja Manns Zeiten sind erhalten und die Decken nach der im „Zauberberg“ penibel beschriebenen Faltmethode zusammengelegt. Besagte „Liegekur“ im Selbstversuch ist ein Muss. Hans Castorps Körper- und Seelenzuständen kommt man so am nächsten. Als erstes ist zu spüren, wie sich jedes Zeitgefühl verflüchtigt. Blicke vom Balkon hinab verschwimmen und der kleine Kurort „da unten“ gleicht plötzlich dem berühmten expressionistischen Gemälde „Davos im Schnee“ von Ernst Ludwig Kirchner, das ein Jahr vor Erscheinen des „Zauberbergs“ (1924) entstanden ist.

Ausgeruht geht es am nächsten Morgen weiter bergauf zur 300 Meter oberhalb von Davos auf 1860 Meter Höhe gelegenen Schatzalp, einem ebenfalls zum Hotel umfunktionierten Sanatorium. An der Rezeption erhielten die Kranken dort zuerst Thermometer und Spucknapf – fürs „Sputum“. „Den Zauberberg gibt es nicht“, sagt der Lokalhistoriker Klaus Bergamin. Das Berghof-Sanatorium setzt sich, wie in der Literatur üblich, aus Vielem zusammen. Etliche Impressionen entstammen auch dem überwiegend bewahrten Jugendstil-Interieur der Schatzalp. Den Waldweg zur Schatzalp geht Hans Castorp unter anderem mit seinem humanistischen Mentor Settembrini. Thomas Mann wanderte während seines Besuches selbst täglich hinauf. Entsprechend heißt die mit Zauberbergzitat-Tafeln ausgestattete Strecke heute Thomas-Mann-Weg. Dafür hatte sich 2008 Bergamin eingesetzt Kaum zu glauben, dass die Versöhnung der Davoser mit dem Autor, dem ihr Heimatort wesentlichen Ruhm verdankt, so kurz zurückliegt. Aufgrund des parodistischen Romaninhalts wurde Mann als Nestbeschmutzer betrachtet. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das tut man im Zauberberg-Kosmos oft.

Als Besucher auf Thomas Manns Spuren nimmt man lieber nicht den aalglatten Abhang, sondern den Berglift, genießt die Sicht oder blättert im „Zauberberg“, um die Eindrücke zu vergleichen. Ein Kapitel heißt immerhin „Schnee“. (Von Tobias Schwartz)


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