WASHINGTON - 40 Ausbilder will Verteidigungsminister Thomas de Maizière nach Mali schicken, um bei der Stabilisierung der Krisenregion zu helfen. Was so unspektakulär auf der Sicherheitskonferenz in München bekannt wurde, ist ein weiteres Zeichen für einen Epochenwechsel: Europa, und damit auch Deutschland, muss mit der Erkenntnis leben, dass es in Fragen der internationalen Sicherheit nicht länger eine Nebenrolle spielen kann.
US-Vizepräsident Joe Biden hatte bei seinen Gesprächen in Berlin und München die transatlantischen Beziehungen gepriesen und versichert, dass Amerika seine Führungsrolle ausüben werde, um den Iran am Bau von Atomwaffen zu hindern. Nicht zur Sprache kam allerdings der grundsätzliche Strategiewechsel in Washington: In Zukunft will sich die letzte verbliebene Supermacht in erster Linie um sich selbst kümmern. Ganz gleich ob Syrien oder die schwieriger werdende Lage in Nordafrika – das Weiße Haus fühlt sich zurzeit nicht angesprochen, wenn die Lage in anderen Ecken der Welt eskaliert. Anstatt in fernen Ländern schnell die Waffen sprechen zu lassen, bemüht sich der Präsident vor der eigenen Haustür um die Begrenzung des privaten Besitzes von Sturmgewehren.
Barack Obama ließ bei seiner Antrittsrede zur zweiten Amtszeit keinen Zweifel daran: Die Dekade der Kriege geht zu Ende, jetzt gilt es, die Heimat wieder aufzubauen. Man kann es auch drastischer formulieren: Die USA sind nach den Marathonkriegen in Afghanistan und Irak erschöpft, und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise steht die größte Volkswirtschaft am Rande des Bankrotts. Das Staatsdefizit von mehr als 16 Billionen Dollar zwingt zum Rückzug.
Es ist jedoch nicht nur die – vielleicht kurzzeitige – Schwäche Amerikas, die dazu führt, dass Europa mehr Verantwortung zu übernehmen hat. Als folgenschwerer könnte sich eine andere Entwicklung erweisen: Durch neue – und ökologisch umstrittene – Fördertechniken erleben die USA einen wahren Öl- und Gasboom, der den scheinbar nimmersatten Importeur in wenigen Jahren in einen Exporteur verwandeln könnte. Die Lieferungen von der arabischen Halbinsel kommen nicht zum Erliegen, aber sie verlieren für die US-Industrie ihre geradezu überlebenswichtige Bedeutung. Sicherheitspolitisch bringt die wachsende Unabhängigkeit erdrutschartige Veränderungen: Das Interesse am Nahen und Mittleren Osten sinkt spürbar. Die enorm teure militärische Dauerpräsenz kommt auf den Prüfstand. Anstatt Flugzeugträger im Mittelmeer kreuzen zu lassen, reichen vielleicht einige unbemannte Drohnen aus, um das Geschehen in den Wüstenstaaten im Auge zu behalten. Krieg um Öl? Heute geht es höchstens noch um eine Rabattschlacht, wie der Preisverfall beim US-Erdgas zeigt.
Es passt ins Bild, dass der künftige Pentagon-Chef Chuck Hagel seinem „Commander-in-Chief“ eine Biografie des legendären Dwight D. Eisenhower zur Lektüre empfahl: Der frühere General setzte als Präsident alles daran, amerikanische Soldaten möglichst aus den Kriegen herauszuhalten. Keine größeren Konflikte, schrumpfende Budgets – das könnte auch Chuck Hagel vorschweben.
Die neue Zurückhaltung des Weltpolizisten kommt für Europa zu einem schwierigen Zeitpunkt. Die EU ist meilenweit entfernt von einer gemeinsamen Verteidigungsstrategie, geschweige denn von einer gemeinsamen Armee. Hinzu kommt die Eurokrise, die viel Kraft und Geld bindet. Nur mit Mühe kann Thomas de Maizière größere Einschnitte im Verteidigungshaushalt verhindern. Und der Einsatz in Libyen 2011 – bei dem Briten und Franzosen vorneweg stürmten, aber letztlich US-Truppen in entscheidenden Momenten mit dafür sorgten, dass der Konflikt siegreich zu Ende gebracht wurde – führte vor Augen, dass es um die militärischen Fähigkeiten in der EU nicht zum Besten bestellt ist.
Ohne Frage: Diese schützende Hand geht nicht über Nacht verloren. Aber sie dürfte sich ein Stück weit entfernen. In den nächsten Wochen diskutiert Berlin über 40 Bundeswehrsoldaten für Mali. Angesichts der neuen Unsicherheiten in Nordafrika und der brodelnden Lage im Nahen Osten dürfte es auf Dauer kaum dabei bleiben, soll ein Machtvakuum vermieden werden. Der Preis für die Sicherheit steigt. (Von Stefan Koch)